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Illustrationen zu Boethius, »Consolatio Philosophiae« 1501 |
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Bildliche Umsetzung von philosophischen Gedanken
Bemerkenswert ist, dass Sebastian BRANT für dieses Buch ein Epigramm verfasst hatte: Dogmata multa quidem praeclara Boetius olim … (im Vorsatz, unpaginiert), so dass man vermuten könnte, er habe den Druck herausgegeben. Verlässliche Textausgaben:
ÜbersichtZitierweise: Buch (lat. Ziffern I bis V), pr. (Prosatext) + arabische Zahl; bzw. metr. (Gedichte) + arabische Zahl Das Layout 1501 ⬇ Das Umfeld des Buchs ⬇ Inspirationen für die Illustrationen ⬇ Beispiele:
Der Prozess der Visualisierung ⬇ Exkurs: Funktionen von Illustrationen in zeitgenössischen Büchern ⬇ Funktionen der Illustrationen in Boethius 1501 ⬇
Literaturangaben (Ausgaben / Forschungen) ⬇ |
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Layout 1501Die Seiten sind in der Regel so aufgebaut:
Die Bilder sind typischerweise so gestaltet (Beispiel: II, pr. 2 ≈ Fol. XXVII recto):
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Spezielle Nebenbilder• Vom ebenfalls spaltenbreiten und zum Ausgleich des Satzspiegels verwendeten Bild der Philosophia, die neben Boethius steht und ihn auf das Hauptbild hinweist, gibt es fünf stets wiederverwendete Varianten; drei nach rechts gewandt, zwei nach links (beispielsweise: I, metr. 4; I, metr. 6; I, pr. 4; II, pr. 4; III, pr .9). Diese Bilder sind so geschnitten dass die Schraffierung möglichst präzis mit dem Hautbild übereinstimmt; Beispiele: I, m4; II, m1; I, p2; II, m5; III, p 7. Die Gruppe der beiden Gestalten ist auch öfters ins Hauptbild integriert, zum Beispiel: II, metr. 4; II, pr. 5; II, metr.7; III, metr.2; III, pr.7; III, metr.10; III, pr.12 • Ein elf Mal vorkommendes Füllbild zeigt einen mit einer Kette an eine Säule angebundenen Affen. Dazu könnte man die folgende Allegorie assoziieren und allenfalls auf die Situation des damals eingekerkerten Konsuls und ›magister officiorum‹ Boethius beziehen: Petrus BERCHORIUS († nach 1361), »Reductorium morale« X,xc,16 ›de simea‹:
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Zur DrucktechnikMan muss sich vergegenwärtigen, wie Drucker in der Frühzeit vorgegangen sind: Man konnte ein hundertseitiges Buch nicht auf éin Mal setzen und dann ausdrucken. Dazu reichte der Typenvorrat nicht. Man setzte beispielsweise einen Bogen (je nach Format z.Bsp. 16 Seiten), zog dann einen Probedruck (›Bürstenabzug‹) davon ab, dann wurde Korrektur gelesen und korrigiert, sodann wurde der ganze Bogen in der verlangten Auflagenhöhe ausgedruckt. Dann wurde der Satz aufgelöst und die Typen wieder in den Setzkasten abgelegt. Jetzt konnte der nächste Bogen gesetzt werden. So wurden auch die Druckstöcke jedes Mal wieder frei für eine Wiederverwendung. (Vgl. das Gegenüber desselben Holzschnitts auf Fol. CXIII verso / CXIIII recto.) Hölzerne Druckstöcke sind sehr zäh; man kennt Fälle, wo über tausend Abzüge vom gleichen Druckstock schadenfrei abgezogen wurden. Die Schrifthöhe (Schulter + Kopf) der Metall-Lettern stimmt mit der Höhe der Druckstöcke überein, so dass der gesetzte Text mit dem Bild in einem einzigen Durchgang gedruckt werden kann, anders als beim Kupferstich. |
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Das Umfeld des Buchs hinsichtlich des LayoutsDas dreispaltige Layout kannte schon der im 12. Jarhhundert verfertigte Hohelied-Kommentars Codex Bodmer 31 (nur die erste Seite vollendet):
Sebsatian BRANT emfpahl dem Drucker Froben für eine kommentierte Bibel-Ausgabe 1502 genau dieses Layout; vgl. Nikolaus Henkel, Sebastian Brant. Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500. Verlag Schwabe 2021, Anm. 1749. Glossen und Marginalien sollen so positioniert sein, dass man sie mit einem Blick sehen kann und nicht umblättern muss.
Ein ähnliches Layout (Primärtext in der Mitte; aussen kleiner gesetzt der Kommentar; davon eingerahmt die Bilder) hat das Buch »Postilla Guillermi super Epistolas et Euangelia de tempore et de sanctis et pro defunctis« (Basel: Nikolaus Keßler, um 1501 und Basel: Michael FURTER, um 1501).
Johannes GRÜNINGER (um 1455 – um 1532) hatte Erfahrung mit illustrierten Büchern.
Diese Seiten-Gestaltung wurde dann wieder (hier mit randfüllenden Bildern und schmalen Bordüren) verwendet in der von Sebastian BRANT herausgegebenen mit 214 Holzschnitten ausgestatteten Vergil-Ausgabe, Straßburg; Grüninger 1502. Vgl. zu diesem Thema die umfangreiche Studie von Catarina Zimmermann-Homeyer, Illustrierte Frühdrucke lateinischer Klassiker um 1500. Innovative Illustrationskonzepte aus der Straßburger Offizin Johannes Grüningers und ihre Wirkung, Wiesbaden: Harrassowitz 2018 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Band 36). |
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Inspirationen für die IllustrationenWie erfuhr der Illustrator inhaltliche Hinweise für die Gestaltung der Bilder? Man kann sich vorstellen, dass in der Werkstatt jemand war, der Latein verstand und den Graphiker instruierte. Denkbar ist indessen auch, dass jemand am Werk war, der den Boethius-Text auf deutsch lesen konnte. Möglicherwreise hat Sebastian BRANT, der ja Erfahrung mit illustrierten Büchern hatte, Hinweise gegeben. Es gab bereits 1473 eine Ausgabe mit lateinischem Kommentar und deutscher Übersetzung:
Nach der deutschen Übersetzung folgt hier: Sancti Thome de aquino super libris Boetÿ de consolatione philosophie commentum cum expositione feliciter incipit. Dieser Kommentar mitsamt den Inhaltszusammenfassungen wurde in die Ausgabe 1501 übernommen. (Von Thomas von Aquin stammt er freilich nicht.) Einige Bild-Details lassen sich womöglich von hier herleiten. Forschungen hierzu:
Es gab auch bereits in Handschriften Illustrationen zum Boethius-Text. Häufig bildlich umgesetzt wurde die Szene, wo Philosophia den trübseligen Boethius davor warnt, sich den Musen zuzuwenden (I, metr. 2), wobei das Gewand mit der unten mit den Buchstaben Π und Θ angeschriebenen Leiter viel zu diskutieren gibt. Ferner wurde das Glücksrad (II, pr. 1 und pr. 2) immer wieder dargestellt. (Das lassen wir hier weg; vgl. dazu Zimmermann-Homeyer, S. 193ff..) |
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BeispieleSelbstverständlich kann hier nicht tiefgründig auf die philosophischen Aussagen eingegangen werden; wir müssen uns mit Skizzen des Gedankengangs begnügen. Die Sammlung ist nicht geordnet. Es konnten hier nur einige Beispiele ansatzweise gedeutet werden. Der Aufsatz möge als Anregung für eingehendere Studien dienen. |
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Verklärung der vergangenen Zeiten (II, metr. 5)
Die Menschen früherer Zeiten stillten den Hunger mit Eicheln, kleideten sich nicht mit feinsten Stoffen, der Rasen gab ihnen heilsamen Schlaf, Trank gab ihnen ein Wildbach, Schatten die Fichten. Das Bild gibt genau den Anfang des Texts wieder, während das dort erscheinende Gegenstück der Jetztzeit – feindliches Wüten von Waffen, Besitzgier – weggelassen ist. |
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Freiheit des Willens und Lasterhaftigkeit (V, pr. 2)Vernunftbegabte Wesen haben einen freien Willen. Den himmlischen Wesen kommt er in besonders hohem Grad zu. Die Menschen sind frei, solange sie nicht ins Körperliche hinabgleiten und von verderblichen Leidenschaften umgetrieben werden (perniciosis turbantur affectibus). Der Illustrator kann natürlich den ›freien Willen‹ nicht in ein Bild überführen, aber Laster: Ein Jäger zu Pferd, mit einem Vogel in der Hand; zwei Männer spielen Tric-Trac ; beobachtet von einem Mann, der auf einen Baum geklettert ist. (Was bedeutet der?)
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Das Begehren von Irdischem führt ins Dunkel (III, metr. 10)Der Text sagt, dass wir wie Gefangene mit ° Ketten an die üblen Leidenschaften gebunden sind, dass Gold und Edelsteine aus ∆ Flüssen uns nicht zum Frohsinn gereichen, dass das göttliche * Licht heller scheint als der Glanz der Sonne. Visualisiert werden: Männer an ° Ketten gebunden, die Mündung von ∆ drei Flüssen, der Blick auf den * Sternenhimmel:
Richard Scheven übersetzt 1893 so:
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Menschen, die sich durch kriegerische Handlungen den Tod selbst beibringen (IV, metr. 4)Der Textbeginn, paraphrasiert: Warum freut ihr euch, so viele Erregungen / Aufstände (lat. motus ist mehrdeutig) anzuzetteln? Wenn ihr den Tod ersehnt: Er naht von selber und verlangsamt die fliegenden Rosse nicht. Welche von Schlangen und Löwen, Bären und Tiger angegriffen werden, greifen sich selbst mit dem Schwert an. (Der Bürgerkrieg wird als eine Art von Suizid verstanden.) Das Bild passt präzis zum Text. Links wilde Tiere und ein sich mit dem Schwert selbst Tötender; rechts ein Skelett mit Lanze in der Hand auf einem Pferd im gestreckten Galopp, das auf drei Männer, wovon einer in Landsknechtstracht, zurennt. Dieses ist den vier Reitern der Apokalypse 6,8 (et ecce equus pallidus et qui sedebat desuper nomen illi Mors) ausgebüxt: Die Wendung [Mors] sponte sua volucres nec remoratur equos ist ›einmalig in der antiken Literatur‹ (vgl. Scheible 1972 zur Stelle). Der Illustrator wurde in der Apokalypse fündig. Die bei Koberger in Nürnberg 1483 gedruckte Bibel kennt dieses Bild; hier führt der reitende Tod eine Sense. – Im Septembertestament 1522 dann eine Mistgabel. |
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Die von Kirke Verwandelten (IV, metr. 3)HOMER schildert (Odyssee 10, 230ff.), wie Kirke die Gefährten von Odysseus in Schweine verwandelt; sie muss sie aber wieder in Menschen zurückverwandeln. Boethius verwendet die Erzählung, um darzustellen, dass äusseres Gift (venenum) nur den Körper des Menschen zu verändern vermag, aber nicht sein Herz; unheilvoll wirkt dagegen das Gift, das der Mensch in sich selbst hat. Die Einleitung zum Gedicht im Buch 1501 sagt: ostendit transformationem entis per vitia esse peiorem transformatione corporis. Bei Boethius sind die Gefährten nicht nur in Eber, sondern auch in Löwen, Wölfe (erwähnt in Odyssee 10, 212) und Tiger verwandelt. Bereits in der vorhergehenden Prosa (IV pr. 3) werden Laster als Tiere allegorisiert: Habgier ≈ Wolf; Zank ≈ Hund; Hinterlist ≈ Fuchs; Zorn ≈ Löwe; Feigheit ≈ Hirsch; gierige Lüste ≈ Sau. Das Bild zeigt das Schiff des Odysseus mit gelegtem Segelmast (abgebrochen kann er nicht sein, denn Odysseus fährt ja nach dieser Episode weiter); am Land ein Schwein und eine (Pinzgauer) Ziege. Interessant ist der Vergleich mit dem analogen Bild in der Schedelschen Weltchronik (1493), Blatt XLI (recto), wo es heisst. dass Ulixes (als Augustinus und Boecius schreiben) in ein Land kam, wo Circis die schwartz könsterin die Gefährten dann verzaubert. |
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Die Natur regiert alles (III, metr. 2)An drei Beispielen wird gezeigt, wie gewaltig die Natur alles mit Gesetzen regiert. Für jeden Fall enthält das Bild eine präzise Illustration. (1) Der an einer Kette gebundene Löwe leckt die Hand seines Dompteurs; aber wenn er Blut riecht, zerreisst er die Fesseln und zerfleischt diesen:
Hier die Übersetzung von Knorr von Rosenroth (S.122):
(2) Der im Käfig gefangene Vogel sehnt sich nach seinem früheren Aufenthaltsort im Wald zurück, wo ein anderer fliegt. (3) Die gebogene Gerte springt, losgelassen, in ihre frühere Stellung zurück.
In der Übersetzung 1473:
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Lust und Leid (III, metr. 7)Über zur Reue führenden körperlichen Vergnügungen (de corporibus voluptatibus) war in der Prosa (III, p. 7) soeben die Rede, jetzt folgt ein Vergleich: Wie die Bienen einerseits Honig schenken, aber auch einen schmerzhaften Stich hinterlassen, so hinterlässt die süße Lust einen Stachel im Herzen.
Die fliegenden Bienen sind leicht ins Bild umsetzbar, der Stachel im Herzen nicht. – Könnte die Personengruppe mit der Frau, dem älteren und dem jungen Mann, der mit der Hand eine Biene abzuwehren scheint, auf einen geplanten Seitensprung hinweisen? Möglicherweise spielt hier der Rand-Kommentar von 1501 hinein: Licet omnis voluptas corporalis primo delectet & postea pungat ad modum apum cum hoc maxime inuenitur in voluptate venerea [Mlat. venerius ≈ mit Bezug auf erotische Lust]; es folgen Warnungen vor coitus. |
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Die Schandtaten von Kaiser Nero (II, metr. 6)Im vorhergehenden Prosatext war das Thema: Die weltlichen Ämter und Ehrenstellen haben nichts mit der wahren Würde (vera dignitas) zu tun. Boethius exemplifiziert das nun mit den Schandtaten von Kaiser Nero. Antike Quellen: SUETON erzählt in den Kaiserbiographien (Nero, insbes. ¶ 34 und 38) vom Brudermord, Vatermord, Muttermord und vom Anzünden der Stadt Rom. — Vom Brand Roms berichtet auch LIVIUS in den Annalen, XV, 38ff. — Weitere Quellen: SENECA, Octavia — CASSIUS DIO, Römische Geschichte, 62.Buch, ¶ 13–18). Das Bild zeigt Nero gekrönt auf einer Zinne, seine Taten betrachtend. Hinten das brennende Rom, gut erkennbar am Pantheon; vorne eine Mordtat; rechts im Haus: Nero betrachtet die Leiche seiner von ihm ermordeten Mutter. Die Verse
beziehen sich auf die Greueltat, von der Sueton berichtet: Nero habe die Glieder der Toten betastet, das eine getadelt, das andere gelobt. Knorr von Rosenroth übersetzt (S.102):
Zur Ikonographie von Nero vgl. den Artikel von Dieter Marcos im Reallexikon für deutsche Kunstgeschichte (2016) |
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Würfelspiel (II, pr. 8 und IV, pr. 1)Ein Beispiel dafür, dass dasselbe Bild für zwei Texte verwendet wurde. (1) Die Philosophie argumentiert in II, pr. 8, dass ein widriges Schicksal den Menschen zuträglicher ist als ein günstiges. Das Glück täuscht immerfort, während das immer unbeständige Unglück durch den ständigen Wechsel sich als wahr erweist. Jenes täuscht, dieses belehrt (illa fallit, haec instruit). Das üble Geschick offenbart die Gesinnung treuer Freunde. In er Übersetzungt von 1773: Oder maynst du das das unter den kleynsten guten zeschatzen sey daß das scharpf vnd grausam gelücke das gemüete der getreüen freünde hat geoffemwart. Das Bild zeigt Männer beim Würfelspiel; darüber Gott im Strahlenkranz (nicht im Text vorkommend). Ein Mann (mit zerlumptem Gewand; offenbar ein Verlierer) hat sich vom Spieltisch abgewendet und richtet sich gegen zwei in einer Haustür Erscheinende – Sind es Geistliche in einer Kapelle? Sind damit die Freunde gemeint? (2) In IV, pr. 1 wird die Frage thematisiert, wie das Böse überhaupt und dazu ungestraft sein kann, obwohl doch ein guter Lenker existiert (rerum bonus rector existat) – die klassische Frage der Theodizee. Die Philosophie beruhigt Boethius: Niemals bleiben Laster ohne Strafen, die Tugenden ohne Lohn; den Guten wird immer das Glück zuteil (bonis felicia, malis semper infortunata ...). Das Spiel als Laster und der Verlierer mögen den Anlass für die Wiederverwendung gegeben haben. Im Gegensatz zur Verwendung bei II, pr. 8 passt hier das Bild des Allmächtigen im Strahlenkranz; vgl. dazu den Kommentar bei Anmerkung d (1501): homo cognoscit suum creatorem, qui de nihilo fecit omnia. |
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Nur Ruchlose streben nach Ehre und Macht (II, pr. 6)Der Illustrator hat diesen Vergleich zu Beginn des Texts herausgegriffen:
Das Bild zeigt, wie der ausgebrochene Aetna böse Männer zu Tode gebracht hat. — Im Kontrast zu den Bösewichten ist in der rechten Bildhälfte die Arche von Noah mit der den Ölzweig bringenden Taube (Genesis 8,11) zu sehen. |
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Die vier Zonen der Erde (II pr. 7)Ein Beispiel für einen Fehler. – Die Philosophie will darlegen, wie nichtig die Begierde nach Ruhm und der Ruf um Verdienste im Staat sind. Dazu führt sie aus, wie klein die Erde im Vergleich zum ganzen Himmelsraum ist und dass nur der vierte Teil der Erde von uns bekannten Lebewesen bewohnt wird (quarta fere portio est … quae nobis cognitis animantibus incolatur); wenn man dann noch abzieht, was davon Meer und Sümpfe bedecken, so bleibt für den Menschen ein sehr kleiner Raum.
Der Illustrator zeichnet eine durch Flussläufe aufgeteilte vierteilige Erde. (Philosophie und Boethius sind rechts unten im Bild integriert.) Freilich hat er den Text nicht ganz verstanden: Er zeichnet auf drei der vier Teile Häuser. Waren die vier Paradiesesflüsse (Genesis 2,10–14) eine Inspirationsquelle?
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Orpheus trauert um Eurydike (III, metr. 12)Sich in gedrückter Stimmung mit Klagen nach unten wenden führt zum Ruin. Boethius veranschaulicht das am Schicksal von Orpheus, der seine Gattin verlor und beim Versuch, sie wiederzugewinnen, starb: Vidit, perdidit, occidit. (Vers 51; Er starb; occidit hier intransitiv zu verstehen; dies steht freilich nicht bei Ovid.)
Übersetzung von Knorr von Rosenroth (Seite 174):
Welcher Text hat Boethius vorgelegen? Vgl. Helga Scheible S. 118–125. Dass Orpheus trauernd singt, findet sich bei VERGIL (Georgica IV, 464): Er schlug, sein krankes Herz zu trösten, die Leier. Der Rand-Kommentar 1501 sagt: habuit uxorem dictam Euridicen ..., quam Orpheus cum inferis volens reducere, deos supernos sua cythara placare coepit. Bei OVID (Metamorphosen X, 11) steht indessen nur, dass Orpheus Eurydike lange beweinte (quam satis ... deflevit vates). Später (Met. XI, 1ff.) heisst es dann, dass Orpheus mit seinen Liedern die wilden Tiere, Wälder und Felsen bezaubert, – bevor ihn dann die zornigen Thrakerinnen töten.
Dass Orpheus bei seinem Trauergesang wilde Tiere besänftigt, steht bei MARTIANUS CAPELLA, (De nuptiis Philologiae et Mercurii, 9.Buch, ¶ 907): Orpheus singt, um in die Unterwelt zu gelangen, und mit diesem Gesang soll er all die reißend wilden Tiere gebändigt haben (quo canto stupidae tigridis ira ruit …). Weitere antike Stellen zum singenden Orpheus in den zitierten Kommentaren. — Es lassen sich mehrere Parallelen zu MARTIANUS CAPELLA ausmachen, vgl. das (auf die Fußnoten im Buch verweisende!) Register in Galonnier/Charlet, S. 541.
John Block Friedman, Orpeus in the Middle Ages, Syracuse University Press 2000 verweist (S.156f.) auf die auf ca. 1420 zu datierende Illustration in ALBERICUS, «De deorum imaginibus libellus», Vat. MS. Reg. Lat. 1290; fol. 5 recto: Orpheus spielt ein Saiteninstrument; auf der einen Seite lauschen Tiere (worunter ein Einhorn und ein Drache); auf der andern Seite wird Eurydike von zwei Teufeln aus dem Rachen der Unterwelt geführt. Friedman verweist (S.172) auf eine Illustration zu CHRISTINE DE PISAN, »Épitre d’Othéa«, Erlangen, Universitätsbibliothek MS 2361, fol. 89 verso, wo Orpheus mit Harfe (vor dem Tor der Unterwelt?), mehrere Tiere und die tote Eurydike zu sehen sind. (Wer ist der Mann mit der Lanze? Aristaeus?) Der Text von Notker von St.Gallen († 1022) enthält • einen in einen ›Ordo naturalis‹ umgesetzten Text des lateinischen Boethius-Texts • die althochdeutsche ›Interpretatio‹ (mit lat. Reservaten) • ›Enarrationes‹ (aus zwei Kommentaren) und weiterführende Erläuterungen. Hier eine Kostprobe; vgl. Stefan Sonderegger, Orpheus und Eurydike bei Notker dem Deutschen: Besonderheiten einer dichterischen Schulübersetzung, in: Grammatica ianua artium = Festschrift für Rolf Bergmann zum 60. Geburtstag, hg. von Elvira Glaser und Michael Schlaefer ..., Heidelberg: Winter 1997, S.115–138 [mit Übersetzung in heutiges Deutsch]
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Vorhersehung oder freier Wille? (V, pr. 4)Thema der langen Abhandlung ist die alte (auch für Boethius) schwierige Frage nach der Vereinbarkeit von göttlicher Vorsehung und menschlichem freien Willen (im Titel 1501: de compassibilitate providentiae et liberi arbitrii).
Das zentrale Argument ist: Aus dem Vorwissen ergibt sich keine Notwendigkeit. Es ist nur ein Zeichen dieser Notwendigkeit. Das menschliche Vorauswissen zukünftiger Dinge ist nicht die zwingende Ursache dieser Ereignisse; die Vorstellungskraft ist nicht identisch mit der göttlichen Providenz. Die Veranschaulichung der Philosophia lautet:
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Wachstafel und Spiegel der Erkenntnis (V, metr. 4)Antike Autoren, insbesondere die Stoiker kennen das Tabula-rasa-Modell für die Erkenntnis: Bei PLATON (Theaitetos 191c) dient der Vergleich dem Erinnerungsvermögen: Nimm an, dass in unseren Seelen eine wächserne Tafel sei, welche Abdrücke aufnehmen kann … bei dem einen von reinerem Wachs, bei anderen von schmutzigerem … Bei ARISTOTELES (de anima III,14 ≈ 429b) wird das Bild dann für die Erklärung der Passivität des Erkenntnisvorgangs verwendet: Der Geist ist der Möglichkeit nach die denkbaren Dinge, aber der Wirklichkeit nach keines, bevor er es denkt. Dies muss so sein wie auf einer Schreibtafel, auf der faktisch noch nichts geschrieben ist. Möglicherweise kannte Boethius auch diese prägnante Stelle von ALEXANDER VON APHRODISIAS (um 200 n.Chr.):
Diese sensualistische Theorie verwirft Boethius: Nach seiner Theorie kombiniert die Kraft des Geists (mentis vigor) die in ihm befindlichen Schemata (species) mit den äusseren Eindrücken (imagines) und erzeugt so die Erkenntnis. Hier der ganze Text V, metr. 4 (Die Übersetzung verdanken wir Darko Senekovic und Barbara Braune-Krickau):
Das Bild dazu zeigt drei stehende Männer in einem Gebäude. Sind das greise Stoiker (vgl. im Rand-Kommentar 1501: Senes. Stoici dicebant senes propter maturitatem morum) oder allenfalls Personifikationen der im Text (Vers 31) genannten vires animi ≈ Seelenvermögen? (Ein Benutzer des Buchs hätte sich allenfalls an AUGUSTINs memoria, voluntas, intellectus erinnert.) Daneben sitzt ein mit Wachstafel und Griffel tätiger Schreiber. Hier ein Bild aus der der Handschrift »Scivias« (Wisse die Wege, 1141ff. entstanden): Hildegard von Bingen wird inspiriert und sie notiert. – Man kannte diese Technik im 16.Jh. noch: Über dem Schreiber ein Spiegel (in der damals üblichen Form eines konvexen Bullaugenspiegels):
Der Affe im Randfüllerbild passt hier gut dazu: Er meint, er binde die Säule an, dabei wird er angebunden! |
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Die Taten von Agamemnon, Odysseus, Herakles (IV, metr. 7)In IV, pr. 7 erklärt die Philosophie in einem Dialog dem Boethius, dass jedes Geschick (fortuna) für den Tugendhaften gut ist, indessen für die in Bosheit Verharrenden (in improbitate manentibus) schlecht. Das widrige Geschick stellt ein Hindernis (difficultas) dar; es ist indessen sowohl für die tapferen Männer im Krieg ein Mittel um Ruhm zu erwerben, als auch für die Weisen um Weisheit auszubilden (conformandae sapientiae). Etymologisch: die Tugend (virtus) wird so bezeichnet, weil sie, auf ihr Kräfte (vires) gestützt, vom Widerwärtigen nicht besiegt wird. Im darauf folgenden Gedicht (IV, metr. 7) werden als Musterbeispiele erwähnt:
Beim Gedicht steht dieses Bild; ein ›Wimmelbild‹:
Zwecks Identifikation ist das Bild hier zerlegt und die einzelnen Szenen sind freigestellt: Unten links stehen die Philosophie und Boethius; hier ins Bild integriert.
Mitte links: (g) die neunköpfige Schlange Hydra:
Oben links: Die von Herakles nicht getötete Kerynitische Hirschkuh mit den goldenen Hörnern? (Apollodor ¶ 81–82) — Oder eher der Kretische Stier? (Apollodor ¶ 94–95) — Beide kommen im Text des Boethius nicht vor.
Fazit: Die Einzelbilder entstammen dem Text von Boethius. • Unklar ist das mächtig gehörnte Tier oben links, von dem im Gedicht von Boethius nicht die Rede ist. Kannte der den Illustrator Inspirierende (Sebastian Brant?) mehr Herakles-Texte als den von Boethius? — Vgl. im Text der Vergilausgabe unten (m): Cornibus auratis Cervum necat. • Unklar ist das Tier unten in der Mitte: (e) aber mit nur einem Kopf. Barthel Beham zeichnet den Cerberus an den Ketten dann 1545 richtig so:
Im Anhang der Vergilausgabe Straßburg: Grüninger 1502, nach dem 13. Buch = Supplement von Maffeo Vegio (1407–1458), folgt unter dem Holzschnitt aus Boethius 1501 dieses Gedicht (neue Paginierung Fol.IX verso)
Der Text wird einem Hilasius / Hylasius zugeschrieben; auch ein Jugendwerk von Laktanz wurde vermutet. (Dank an Fabian Zogg für die Hinweise!) Emil Baehrens, Poetae Latini minores, Vol. IV, Leipizig 1882, S. 146: Hilasii dodecasticha de Hercule Alexander Riese, Anthologia Latina, Pars prima, Fasciculus II, Leipzig 1870, Nummer 627 mit der Lesart Anne Friedrich, Das Symposium der XII sapientes: Kommentar und Verfasserfrage. Berlin/New York 2002; S. 250–269; S. 481ff. Das Wimmelbild passt nicht zum Text in der Vergilausgabe. Dem Verleger Grüninger stand der Holzschnitt ja zur Verfügung, und er fügte ihn ein, wo von den Taten des Herakles (De Herculis Laboribus) die Rede ist. |
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Der Prozess der VisualisierungBilder können aus dem höchst subtilen philosophischen Text von Boethius nur generiert werden, wenn dieser ein historisches oder fabulöses Beispiel enthält oder ein Exemplum beibringt oder den Gedanken in eine Allegorie umsetzt. Der Illustrator kann
Gelegentlich ersinnt der Illustrator direkt ein Bild. Beispiel: Wenn sich Menschen den Lastern ergeben und von verderblichen Leidenschaften umgetrieben sind (V, pr. 2) – das visualisiert er direkt (für die Laster) mit Jagd und Spiel. |
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Exkurs: Funktionen von textbegleitenden Illustrationen in zeitgenössischen BüchernWir konzentrieren uns auf die Intermedialität im Printmedium in der Epoche um 1500. Allgemein gilt, dass nach der Gutenbergschen Erfindung ein Markt entstand, und damit Konkurrenz und das Bedürfnis, die eigenen Erzeugnisse als solche zur Geltung zu bringen. Das konnte unterstützt werden durch die Beigabe von einprägsamen Illustrationen. Die eigentlichen Funktionen der Bilder sind unter diesem Gesichtspunkt indessen nicht erfasst. Wir konzentrieren uns auf die Frage: Worin liegt der Mehrwert der bildhaften Darbietung gegenüber der im Kontext stehenden verbalen? Nicht beachtet werden im folgenden formale Aspekte, wie z.Bsp. dass ein Bild immer zu einer Konkretisierung der sprachlich oft abstrakt formulierten Angaben zwingt und dass insbesondere der Holzschnitt zu einer Umsetzung in eine konkrete Situation (jemand ist krank → die Person liegt im Bett) bzw. in eine plakative Darstellung der Gesichtszüge (Schönheit, Brutalität usw.) und der Körperhaltung zwingt. Texte schildern Vorgänge, während ein Bild nur eine Phase herausgreifen kann, auch diese Problematik bleibt hier unberücksichtigt. Wie zeichnet man ›Reue‹ ? Wir wollen uns nicht mit dem Satz begnügen, der 1501 nach dem Vorwort im an den wissbegierigen Leser gerichteten Text steht [unpaginiert]: Quaelibet etiam pars suas habet sculptas imagines: ut saltem hae eum oblectarent & allicerent. (≈ Jeder Teil hat auch seine eigenen geschnittenen Bilder, damit ihn [der Leser ist angesprochen] mindestens diese erfreuen und an sich ziehen.) Einige Typen seien hier vorgestellt: • Zur "augenblicklichen" (Wieder-)Erkennbarkeit (Contrefait-Funktion) dienen mimetische Abbildungen eines realen Gegenstands / Tiers / einer Stadtvedute (SCHEDEL, »Weltchronik« 1493) / von Handwerksinstrumenten / der Anatomie / von Pflanzen (»Gart der Gesundheit« 1485). • Stadtansichten in der Schedelschen Weltchronik (1492) sind in Kavaliersperspektive dargestellt, d.h. die Vedute sieht aus, als sei sie von einem ›Kavalier‹ (= in der Sprache der Festungsbauingenieure: eine erhöhte Geschützstellung) aus gezeichnet wäre. Das ist kein Contrefait (der erste bemannte Ballon startete erst 1783), sondern ein Konstrukt mit der Funktion einer virtuellen Zusammenschau. • Schemazeichnung eines abstrakten Phänomens. Beispiel: Eine Mondfinsternis entsteht, wenn die Erde auf einer Linie zwischen Mond und Sonne liegt (Beispiel; REISCH, »Margarita« VII, i, 36 eclipsis lunæ). Zweck: Erklärhilfe durch Visualisierung.
• Giovanni Boccaccio (1313–1375) hat in seiner »Genealogia Deorum« Götterstammbäume gezeichnet. Sie dienen dazu, (sprachlich ausgedrückte) komplexe Verhältnisse simultan übersehbar zu machen.
• Instruktion für das Herstellen eines Artefakts:
• Bildliche Umsetzung mit mnemotechnischer Funktion In welchem Sternzeichzen an welchem Körperteil zur Ader gelassen werden soll: • Bildliche Umsetzungen eines profanen Erzähltexts, der von konkreten Personen und deren Taten handelt, dienen wohl zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit:
• Erzählung mit fiktiven Handelnden/Handlungen:
• Speziell für Bibelillustrationen gilt seit alters, dass sie den Lese-Unkundigen dienen, sich eine erzählte Begebenheit zu vergegenwärtigen. GREGOR DER GROSSE († 604): Wann warzuo die geschrifft nütz ist denen die sy lesen, darzu dienet den ungelerten das gemeldt, so sy es anschauent. Im gemelt sehent die unwissenden, wem sy sollent nachvolgen. Am gemeldt lesent die so geschrifft nit verstond und wissent. (Übersetzung: Hugo von Hohenlandenberg) — Nach THOMAS VON AQUIN gilt als »triplex ratio institutionis imaginum in ecclesia«: die katechetische im engeren Sinn (instructio), vergegenwärtigende (memoria) und die andachtsfördernde (ad excitandum devotionis affectum) Funktion der Bilder.
• Vor einem Handeln (die Frau deines Nächsten begehren) warnen wird hier visualisiert durch den Teufel, der die beiden zusammenbringt, mit voraussehbar üblen Folgen.
• Fokussierung eines Texts durch visuelle Umsetzung der darin enthaltenen Allegorie. Beispiel: Sebastian BRANT, »Narrenschiff« (1494), Kapitel 39: Wer seine üblen Absichten offen ausspricht, vor dem nimmt sich jedermann in acht. Visualisierbar ist die Umsetzung: Wer vor den Augen der Vögel das Netz ausspannt, wird keine fangen (vgl. Proverbia 1,17). • Das Bild konkretisiert eine allgemeine Aussage, ein Narrativ steht für ein Abstraktum:
• Das parallele Vorzeigen von wirklich sich ereigneten Begebenheiten bzw. naturkundlichen Fakten mit etwas Fragwürdigem erhöht dessen Plausibilität.
• Mit diesem Bild lernt man nicht, wie ein Schiff aussieht oder wie man eines handhabt. Es ist auch keine Allegorie. Es ist ein bildlicher Hinweis auf das Thema, das hier behandelt wird, ein Blickfang.
Literaturhinweis: Christian Doelker, Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der Multimedia-Gesellschaft, Stuttgart: Cotta 1997. – Kapitel II/4 (S. 70–83). Vgl. auch > http://enzyklopaedie.ch/dokumente/Funktionen.html |
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Funktionen der Illustrationen in Boethius 1501Vorausgeschickt sei diese Vermutng: Man kann sich vorstellen, dass der Text der »Consolatio« nicht als Ganzschriftlektüre wahrgenommen wurde, sondern selektiv einige Passagen gelesen wurden. Es lassen sich zwei Funktionen denken: (a) Die Bilder haben gemäß der rhetorischen Affektenlehre möglicherweise Appell-Funktion, es geht darum, Aufmerksamkeit zu erwecken:
Beispiel: Beim Blättern stoße ich auf dieses seltsame Bild (II, metr. 8): Pferde ziehen einen mit der (halb sichtbaren) Sonne beladenen Wagen; und am Himmel scheint der Mond. Seltsam. Da lese ich doch, was der Text dazu sagt!
(b) Die Bilder haben eventuell auch eine mnemotechnische Funktion.
Versetzen wir uns wieder in die Lage eines Benutzers dieses Buchs. Ich suche nach dem Kapitel, in dem im Randkommentar die Rede war von die Geilen (luxuriosi) mit ihrer Begierde (concupiscentia); von den die Geizigen (avari & invidi) und von den Hochmütigen (superbi). Weil der Index nur auf den Boethius-Text verweist, aber nicht auf den Kommentar, finde ich z.B. unter superbus, superbia nichts. Im Text von Boethius steht (I, metr. 4):
Der Illustrator hat eine im Text zur Veranschaulichung dienende Passage herausgegriffen: Wer heiteren Muts ist, den wird der Vulkan nicht schrecken – und in ein ›Merk-Bild‹ umgesetzt: Anhand dieses Bilds finde ich die Stelle sofort wieder. Im Kommentar steht die allegorische Auslegung des Vulkans, was ich suchte:
(c) Weitere Funktionen? |
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LiteraturangabenTexte, Ausgaben, Übersetzungen Claudio Moreschini (Ed.): Boethius: De consolatione philosophiae, opuscula theologica. 2. Auflage, München/Leipzig: Saur 2005. A. M. S. Boethius: Philosophiae Consolatio. Trost der Philosophie. lateinisch/deutsch, herausgegeben, übersetzt und erläutert von Joachim Gruber, (Mittellateinische Bibliothek), Stuttgart: Hiersemann 2020. Die Übersetzungen von Richard Scheven (1893), Karl Büchner (1926), Eberhard Gothein (1932), Ernst Neitzke (1959) wurden mitunter beigezogen. Interessant sind diese frühen deutschen Übersetzungen: Notker von St.Gallen, [† 1022; ahd. Teilübersetzung, Paraphrasen, Kommentar], hg. E. H. Sehrt / Taylor Starck, (ATB, Bände 32/33/34), Halle 1933/1934. – Hg. von Petrus W. Tax (ATB Bände 94, 100, 101), Tübingen dazu: Christine Hehle, Boethius in St. Gallen. Die Bearbeitung der »Consolatio Philosophiae« durch Notker Teutonicus zwischen Tradition und Innovation, (MTU 122), Tübingen: Niemeyer 2002. [Übersetzung von Peter von Kastel:] Hic liber Boecii de consolatione philosphie in textu latina alemanicaque lingua refertus ac translatus una cum apparatu & expositione beati Thome de aquino ordinis predicatorum finit feliciter. Anno domini M.CCCC.lxxiij. xxiiij July. Condidit hoc Civis alumnus Nurembergensis Opus arte sua Antonius Coburger [1473]. [Übersetzung von Peter von Kastel:] Boecius der hochberümpt meister vnd Poet von dem trost der weißheit, Straßburg: Johann Schott, 31. August 1500. [Übersetzung von Johann Helwig]: Severini Boethii Christlich vernünftiges Bedenken, Wie man sich bey vordringendem Gewalt und Wohlergehen der Gottlosen, auch unrechtmässigem Leiden und Ubelgehen der Frommen zu trösten habe: In fünf Bücher verfasset, Dem Liebhaber der Teutschen Sprache zu Nutzen aus dem Latein übergesetzt; benebenst richtiger Beschreibung des Boëthii Lebenslaufes, Nürnberg: Gerhard Tauber 1660. https://kxp.k10plus.de/DB=1.75/LNG=EN/PPNSET?PPN=53594540X [Franciscus Mercurius van Helmont ist der Übersetzer der Prosa-Teile; Christian Knorr von Rosenroth der Übersetzer der Gedichte…] Deß Fürtrefflichen Hochweisen Herrn Sever. Boetii weil. Burgermeisters zu Rom Christlich-Vernunfft-gemesser Trost und Unterricht/ in Widerwertigkeit und Bestürtzung über dem vermeintenWohl- oder Ubelstand der Bösen und Frommen / in Fünff Büchern/ Verteutscht/ undMit beygefügten kurtzen Anmerckungen über etliche dunckele Ort desselben: Samt eigentlicher Lebens-Beschreibung deß Seligen Boetii. Sulzbach: A. Lichtenthaler 1667. Dazu: Rosmarie Zeller, Literatur als Mittel zur Glückseligkeit. Die Sulzbacher Übersetzung von Boethius’ Trost der Philosophie und ihr Kontext, in: Literatur und praktische Vernunft, hg. Frieder von Ammon u.a., de Gruyter 2016, S.173–190. Forschungen Die Forschungsliteratur zur »Consolatio« ist unermesslich. Hingewiesen sei auf diese ausführlichen, beigezogenen Studien: Helga Scheible, Die Gedichte der Consolatio Philosophiae des Boethius, Heidelberg 1972 (Bibliothek der Klassischen Altertumswissenschaften. Neue Folge. 1.Reihe, 46) [nur zu den Carmina] Christine Hehle, Boethius in St.Gallen. [wie oben zitiert] mit konziser Zusammenfassung der Consolatio auf S. 22–32. Joachim Gruber, Kommentar zu Boethius, De Consolatione Philosophiae, 1978; 2. erweiterte Auflage, Berlin: de Gruyter 2006. Alain Galonnier / Jean-Louis Charlet, Boèce. La Consolation de Philosophie. Introcuction et traduction annotée du texte latin, Leuven: Peeters 2022 (Philosophes Médiéaux, tome LXXIV). Rosalind C. Love, The Latin Commentaries on Boethius’s De consolatione philosophiae from the 9th to the 11th Centuries, in: A Companion to Boethius in the Middle Ages, edited by Noel Harold Kaylor, Jr., Philip Edward Phillips, Brill 2012, pp.75–133.Spezielles steht in den Anmerkung Catarina Zimmermann-Homeyer, Illustrierte Frühdrucke lateinischer Klassiker um 1500. Innovative Illustrationskonzepte aus der Straßburger Offizin Johannes Grüningers und ihre Wirkung, Wiesbaden: Harrassowitz 2018 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Band 36). Spezielles steht in den Anmerkungen ad hoc. imagines verbis explicare vix queo (frei nach II, pr. 8) — Paul Michel (Nov. 2025) und |
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