Illustrationen zu Boethius, »Consolatio Philosophiae« 1501

     
 

 

Bildliche Umsetzung von philosophischen Gedanken

 nno 1501 erschien bei Grüninger in Straßburg eine 129 Großoktav-Blätter plus Register und Vorwort umfassende, kommentierte und illustrierte Ausgabe des Trostbuchs von BOETHIUS:

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophię: cum figuris ornatissimis nouiter expolitus [im Kolophon:] Impressum Argentinę per Iohannem grüninger Anno incarnationis dñi Millesimo quingentesimo primo, Kalendas vero. viii. Septembris.

VD16 B 6404

Digitalisate:

https://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/boethius1501 (coloriert)

https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00001880?page=18

https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1520160j

Bemerkenswert ist, dass Sebastian BRANT für dieses Buch ein Epigramm verfasst hatte: Dogmata multa quidem praeclara Boetius olim … (im Vorsatz, unpaginiert), so dass man vermuten könnte, er habe den Druck herausgegeben.

Verlässliche Textausgaben:

Claudio Moreschini (Ed.): Boethius: De consolatione philosophiae, opuscula theologica. 2. Auflage, München/Leipzig: Saur 2005.

A. M. S. Boethius: Philosophiae Consolatio. Trost der Philosophie. lateinisch/deutsch, herausgegeben, übersetzt und erläutert von Joachim Gruber, (Mittellateinische Bibliothek), Stuttgart: Hiersemann 2020.

Der lat. Text steht (in anderen Ausgaben) mehrmals online:

https://faculty.georgetown.edu/jod/boethius/jkok/list_t.htm

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost06/Boethius/boe_con0.html

Übersicht

Zitierweise: Buch (lat. Ziffern I bis V), pr. (Prosatext) + arabische Zahl; bzw. metr. (Gedichte) + arabische Zahl

Das Layout 1501

Das Umfeld des Buchs

Inspirationen für die Illustrationen

Beispiele:

Verklärung der vergangenen Zeiten

Freiheit des Willens und Lasterhaftigkeit

Das Begehren von Irdischem führt ins Dunkel

Menschen, die sich durch kriegerische Handlungen den Tod selbst beibringen

Die von Kirke Verwandelten

Die Natur regiert alles

Lust und Leid

Die Schandtaten von Kaiser Nero

Würfelspiel

Nur Ruchlose streben nach Ehre und Macht

Die vier Zonen der Erde

Orpheus trauert um Eurydike

Vorsehung oder freier Wille?

Wachstafel und Spiegel der Erkenntnis

Die Taten von Agamemnon, Odysseus, Herakles

Der Prozess der Visualisierung

Exkurs: Funktionen von Illustrationen in zeitgenössischen Büchern

Funktionen der Illustrationen in Boethius 1501

Beispiel: Der Sonnengott Phoebus auf dem Wagen

Beispiel: Allegorie des Vulkans Vesuv

Literaturangaben (Ausgaben / Forschungen)

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Layout 1501

Die Seiten sind in der Regel so aufgebaut:

• Groß in Rotund-Schrift gesetzt: Titelangabe: Liber / Prosa oder Metrum

• Etwas kleiner: kurze Inhaltszusammenfassung

• In der Mitte in einer 8 cm breiten Spalte der Text von Boethius; (Antiqua, Schriftgröße 7 Pt.); interlinear versehen mit Übersetzungshilfen (winzig gesetzte synonyme lateinische Wörter) und Verweiszeichen auf den Kommentar,

• umflossen vom kleiner gesetzten Kommentar (5 Pt.) , der meistens an den beiden Rändern 3cm breit angebracht ist.

Die Bilder sind typischerweise so gestaltet (Beispiel: II, pr. 2 ≈ Fol. XXVII recto):

• Passend zur Breite des Haupttexts steht eine Illustration.

Es gibt sechs Dutzend solcher Hauptbilder. Einige sind wiederholt verwendet (Beispiele: Gott als Schöpfer der Welt: I, metr.5; III, metr.6; III, Metr.9)

• Auf das Hauptbild verweisen die Gestalten von Boethius und Philosophia.

• Passend zur Breite der Kommentarspalten stehen um ein Hauptbild herum gruppiert Holzschnitte als Füllbilder, um den Satzspiegel auszugleichen. Sie haben meistens einen belanglosen Inhalt: Ein Riegelhaus, eine Säule in einem Hausinneren, ein gotisches Haus mit Balkon, ein Torbogen, ein Baum in einem Garten.

• Neben den kleineren, zwischen den Randfüllern montierten Bildern gibt es auch einige große, bis zum Satzspiegelrand reichende: Die Stadt Rom (nach dem Vorwort); das Rad der Fortuna (II, pr.1); Philosophia und Boethius in einer Stadt am Meer (III, pr.1); die Taten des Herakles (IV, metr.7; ein ›Wimmelbild‹); der Bauer findet per Zufall beim Pflügen einen Goldschatz (V, pr.1).

• Die Initialen sind wohl einfach dem Setzkasten entnommen und haben kaum eine Beziehung zum Text.

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Spezielle Nebenbilder

• Vom ebenfalls spaltenbreiten und zum Ausgleich des Satzspiegels verwendeten Bild der Philosophia, die neben Boethius steht und ihn auf das Hauptbild hinweist, gibt es fünf stets wiederverwendete Varianten; drei nach rechts gewandt, zwei nach links (beispielsweise: I, metr. 4; I, metr. 6; I, pr. 4; II, pr. 4; III, pr .9).

Diese Bilder sind so geschnitten dass die Schraffierung möglichst präzis mit dem Hautbild übereinstimmt; Beispiele: I, m4; II, m1; I, p2; II, m5; III, p 7.

Die Gruppe der beiden Gestalten ist auch öfters ins Hauptbild integriert, zum Beispiel: II, metr. 4; II, pr. 5; II, metr.7; III, metr.2; III, pr.7; III, metr.10; III, pr.12

Ein elf Mal vorkommendes Füllbild zeigt einen mit einer Kette an eine Säule angebundenen Affen.

Dazu könnte man die folgende Allegorie assoziieren und allenfalls auf die Situation des damals eingekerkerten Konsuls und ›magister officiorum‹ Boethius beziehen:

Petrus BERCHORIUS († nach 1361), »Reductorium morale« X,xc,16 ›de simea‹:

Simia alligata trunco videtur eum servare: sed econtra ipsa ab eo servatur. Sic divites a divitiis tenentur. (In der Übersetzung von Aegidius Albertinus 1613: Wann der Aff an einen pfal gebunden ist/ vermeint er/ daß er den pfal verwacht vnd bewahre/ da doch der pfal jhne verwahret vnd gefänglich enthelt. Dieser gestalt vermeinen entliche Regenten/ daß sie das Regiment versehen vnd verwahren/ aber das Ambt helt sie dermaßen gefangen/ daß sie jhrer selbst nicht mächtig seyndt.)

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Zur Drucktechnik

Man muss sich vergegenwärtigen, wie Drucker in der Frühzeit vorgegangen sind: Man konnte ein hundertseitiges Buch nicht auf éin Mal setzen und dann ausdrucken. Dazu reichte der Typenvorrat nicht.

Man setzte beispielsweise einen Bogen (je nach Format z.Bsp. 16 Seiten), zog dann einen Probedruck (›Bürstenabzug‹) davon ab, dann wurde Korrektur gelesen und korrigiert, sodann wurde der ganze Bogen in der verlangten Auflagenhöhe ausgedruckt. Dann wurde der Satz aufgelöst und die Typen wieder in den Setzkasten abgelegt. Jetzt konnte der nächste Bogen gesetzt werden. So wurden auch die Druckstöcke jedes Mal wieder frei für eine Wiederverwendung. (Vgl. das Gegenüber desselben Holzschnitts auf Fol. CXIII verso / CXIIII recto.)

Hölzerne Druckstöcke sind sehr zäh; man kennt Fälle, wo über tausend Abzüge vom gleichen Druckstock schadenfrei abgezogen wurden. Die Schrifthöhe (Schulter + Kopf) der Metall-Lettern stimmt mit der Höhe der Druckstöcke überein, so dass der gesetzte Text mit dem Bild in einem einzigen Durchgang gedruckt werden kann, anders als beim Kupferstich.

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Das Umfeld des Buchs hinsichtlich des Layouts

Das dreispaltige Layout kannte schon der im 12. Jarhhundert verfertigte Hohelied-Kommentars Codex Bodmer 31 (nur die erste Seite vollendet):


https://e-codices.unifr.ch/de/fmb/cb-0031/2r


oder die Cantica-Auslegungen von Williram von Ebersberg (Handschrift BSB Cgm 10):


https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00059252?page=1

Sebsatian BRANT emfpahl dem Drucker Froben für eine kommentierte Bibel-Ausgabe 1502 genau dieses Layout; vgl. Nikolaus Henkel, Sebastian Brant. Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500. Verlag Schwabe 2021, Anm. 1749. Glossen und Marginalien sollen so positioniert sein, dass man sie mit einem Blick sehen kann und nicht umblättern muss.

Biblia latina cum glossa ordinaria Walafridi Strabonis aliorumque …[et cum postillis ac moralitatibus Nicolai de Lyra …, Basel: Johann Froben / Johann Petri 1498.

https://www.e-rara.ch/bau_1/content/zoom/5084141

Ein ähnliches Layout (Primärtext in der Mitte; aussen kleiner gesetzt der Kommentar; davon eingerahmt die Bilder) hat das Buch »Postilla Guillermi super Epistolas et Euangelia de tempore et de sanctis et pro defunctis« (Basel: Nikolaus Keßler, um 1501 und Basel: Michael FURTER, um 1501).


https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb00007966?page=7

Johannes GRÜNINGER (um 1455 – um 1532) hatte Erfahrung mit illustrierten Büchern.

• 1494 erschien in seinem Verlag »Das nüw schiff von Narragonia« mit 123 (nach S. BRANTs Ausgabe neu verfertigten) Holzschnitten:


https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/!metadata/1602489424/1/-/

• Eine illustrierte Terenz-Ausgabe hat Grüninger dreimal herausgegeben (1496, 1499), bereits mit Primärtext, kleiner gesetztem Kommentar und zusammengesetzten Holzschnitten:


http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-iv-77

• »Horatij flacci opera cum quibusdam Annotatonibus Imaginibusque pulcherrimis« 1498. Dieses Buch ist bereits schon so angelegt wie Boethius 1501:


http://diglib.hab.de/inkunabeln/21-1-poet-2f-1/start.htm

• Dazu kommen illustrierte Ausgaben von Hieronymus Brunschwig, u.a.m.
Genaueres bei Albert Schramm, Der Bilderdruck der Frühdrucke, Band 20, Leipzig 1937; S.3–9 plus Tafeln (Bilder leider freigestellt).

Diese Seiten-Gestaltung wurde dann wieder (hier mit randfüllenden Bildern und schmalen Bordüren) verwendet in der von Sebastian BRANT herausgegebenen mit 214 Holzschnitten ausgestatteten Vergil-Ausgabe, Straßburg; Grüninger 1502.


http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502

Vgl. zu diesem Thema die umfangreiche Studie von Catarina Zimmermann-Homeyer, Illustrierte Frühdrucke lateinischer Klassiker um 1500. Innovative Illustrationskonzepte aus der Straßburger Offizin Johannes Grüningers und ihre Wirkung, Wiesbaden: Harrassowitz 2018 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Band 36).

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Inspirationen für die Illustrationen

Wie erfuhr der Illustrator inhaltliche Hinweise für die Gestaltung der Bilder?

Man kann sich vorstellen, dass in der Werkstatt jemand war, der Latein verstand und den Graphiker instruierte. Denkbar ist indessen auch, dass jemand am Werk war, der den Boethius-Text auf deutsch lesen konnte. Möglicherwreise hat Sebastian BRANT, der ja Erfahrung mit illustrierten Büchern hatte, Hinweise gegeben.

Es gab bereits 1473 eine Ausgabe mit lateinischem Kommentar und deutscher Übersetzung:

Hic liber Boecii de consolatione philosphie in textu latina alemanicaque lingua refertus ac translatus una cum apparatu & expositione beati Thome de aquino ordinis predicatorum finit feliciter. Anno domini M.CCCC.lxxiij. xxiiij July. Condidit hoc Civis alumnus Nurembergensis Opus arte sua Antonius Coburger.

https://dlib.gnm.de/item/2Inc28552
https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb00035233?page=,1
https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-i/content/pageview/420511

Nach der deutschen Übersetzung folgt hier: Sancti Thome de aquino super libris Boetÿ de consolatione philosophie commentum cum expositione feliciter incipit. Dieser Kommentar mitsamt den Inhaltszusammenfassungen wurde in die Ausgabe 1501 übernommen. (Von Thomas von Aquin stammt er freilich nicht.) Einige Bild-Details lassen sich womöglich von hier herleiten.

Forschungen hierzu:

Nigel F. Palmer: “The German Boethius translation printed in 1473 in its historical context”, in: M. Hoenen / L. Nauta (eds.): Boethius in the Middle Ages. Latin and Vernacular Traditions of the Consolatio Philosophiae, Leiden 1997, S. 287–302.

Bernd Bastert, Boethius unter Druck. Die ‘Consolatio Philosophiae’ in einer Koberger-Inkunabel von 1473. In: Boethius Christianus? Transformationen der „Consolatio Philosophiae“ in Mittelalter und früher Neuzeit. Hg. Reinhold F. Glei / Nicola Kaminski / Franz Lebsanft, Berlin 2010, S. 35–69.

Zu weiteren Kommentaren: Reinhold F. Glei, Quae philosophia fuit, facta philologia est. Der Kommentar des Jodocus Badius Ascensius (1498) zur Consolatio Philosophiae des Boethius, in: Boethius Christianus? Transformationen der "Consolatio Philosophiae" in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von, Nicola Kaminski und Franz Lebsanft, De Gruyter 2010, S. 179–216.

Christine Hehle, Boethius’s Influence on German Literature to c.1500, in: A Companion to Boethius in the Middle Ages, Brill 2012, pp. 255–318 (darin insbes.: 15th translations of the Consolatio).

Rosmarie Zeller, Literatur als Mittel zur Glückseligkeit. Die Sulzbacher Übersetzung von Boethius’ Trost der Philosophie und ihr Kontext, in: Literatur und praktische Vernunft, hg. Frieder von Ammon u.a., de Gruyter 2016, S.173–190.

Es gab auch bereits in Handschriften Illustrationen zum Boethius-Text. Häufig bildlich umgesetzt wurde die Szene, wo Philosophia den trübseligen Boethius davor warnt, sich den Musen zuzuwenden (I, metr. 2), wobei das Gewand mit der unten mit den Buchstaben Π und Θ angeschriebenen Leiter viel zu diskutieren gibt. Ferner wurde das Glücksrad (II, pr. 1 und pr. 2) immer wieder dargestellt. (Das lassen wir hier weg; vgl. dazu Zimmermann-Homeyer, S. 193ff..)

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Beispiele

Selbstverständlich kann hier nicht tiefgründig auf die philosophischen Aussagen eingegangen werden; wir müssen uns mit Skizzen des Gedankengangs begnügen.

Die Sammlung ist nicht geordnet.

Es konnten hier nur einige Beispiele ansatzweise gedeutet werden. Der Aufsatz möge als Anregung für eingehendere Studien dienen.

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Verklärung der vergangenen Zeiten (II, metr. 5)

Felix nimium prior aetas,
Contenta fidelibus arvis
Nec perdita luxu, […]
Utinam modo nostra redirent
in mores tempora priscos.

Ihr seligen Zeiten der Alten! Zufrieden mit den getreuen Acker, verschont vor Verschwendung … Oh dass doch unsere Zeiten zur früheren Lebensart zurückehrten!

Die Menschen früherer Zeiten stillten den Hunger mit Eicheln, kleideten sich nicht mit feinsten Stoffen, der Rasen gab ihnen heilsamen Schlaf, Trank gab ihnen ein Wildbach, Schatten die Fichten.

Das Bild gibt genau den Anfang des Texts wieder, während das dort erscheinende Gegenstück der Jetztzeit – feindliches Wüten von Waffen, Besitzgier – weggelassen ist.

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Freiheit des Willens und Lasterhaftigkeit (V, pr. 2)

Vernunftbegabte Wesen haben einen freien Willen. Den himmlischen Wesen kommt er in besonders hohem Grad zu. Die Menschen sind frei, solange sie nicht ins Körperliche hinabgleiten und von verderblichen Leidenschaften umgetrieben werden (perniciosis turbantur affectibus).

Der Illustrator kann natürlich den ›freien Willen‹ nicht in ein Bild überführen, aber Laster: Ein Jäger zu Pferd, mit einem Vogel in der Hand; zwei Männer spielen Tric-Trac ; beobachtet von einem Mann, der auf einen Baum geklettert ist. (Was bedeutet der?)

Manessische Handschrift, Fol 7r.: König Konradin von Hohenstaufen:

Meister Ingold (O.P.), Hie hebt sich das buoch an/ das man nent dz guldin spil/ vnder dem begriffen seind siben spil/ durch welche die houbtsünd der ouch an ter czal siben seynd/ kurcz vnd meisterlich zuo bestreffung der irrenden erclärt werden, Augsburg: Günther Zeiner 1472:

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Das Begehren von Irdischem führt ins Dunkel (III, metr. 10)

Der Text sagt, dass wir wie Gefangene mit ° Ketten an die üblen Leidenschaften gebunden sind, dass Gold und Edelsteine aus Flüssen uns nicht zum Frohsinn gereichen, dass das göttliche * Licht heller scheint als der Glanz der Sonne.

Visualisiert werden: Männer an ° Ketten gebunden, die Mündung von drei Flüssen, der Blick auf den * Sternenhimmel:

Huc omnes pariter venite, capti,
      Quos fallax ligat improbis ° catenis
   Terrenas habitans libido mentes. …

Non quidquid Tagus aureis harenis
      Donat aut Hermus rutilante ripa
   Aut Indus calido propinquus orbi …

Splendor, quo regitur vigetque *caelum,
Vitat obscuras animae ruinas.

Richard Scheven übersetzt 1893 so:

Kommt hierher, ihr alle, die ihr gefesselt
tragt die Rosen°ketten der falschen Lüste,
der Bezwinger der armen Menschenseelen!

Was auch immer des Hermus Glanzgestade,
Was beschert der goldene Sand des Tagus,
Was an hellen Demanten und Smaragden
uns der Indus sendet aus heißer Zone:
Alles das kann nimmer den Geist erhellen,

Doch der Glanz, der im * Himmel herrscht belebend,
dringt nicht ein in schwankende, finstre Seelen.

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Menschen, die sich durch kriegerische Handlungen den Tod selbst beibringen (IV, metr. 4)

Der Textbeginn, paraphrasiert: Warum freut ihr euch, so viele Erregungen / Aufstände (lat. motus ist mehrdeutig) anzuzetteln? Wenn ihr den Tod ersehnt: Er naht von selber und verlangsamt die fliegenden Rosse nicht. Welche von Schlangen und Löwen, Bären und Tiger angegriffen werden, greifen sich selbst mit dem Schwert an. (Der Bürgerkrieg wird als eine Art von Suizid verstanden.)

Das Bild passt präzis zum Text. Links wilde Tiere und ein sich mit dem Schwert selbst Tötender; rechts ein Skelett mit Lanze in der Hand auf einem Pferd im gestreckten Galopp, das auf drei Männer, wovon einer in Landsknechtstracht, zurennt. Dieses ist den vier Reitern der Apokalypse 6,8 (et ecce equus pallidus et qui sedebat desuper nomen illi Mors) ausgebüxt:

Die Wendung [Mors] sponte sua volucres nec remoratur equos ist ›einmalig in der antiken Literatur‹ (vgl. Scheible 1972 zur Stelle). Der Illustrator wurde in der Apokalypse fündig. Die bei Koberger in Nürnberg 1483 gedruckte Bibel kennt dieses Bild; hier führt der reitende Tod eine Sense. – Im Septembertestament 1522 dann eine Mistgabel.

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Die von Kirke Verwandelten (IV, metr. 3)

HOMER schildert (Odyssee 10, 230ff.), wie Kirke die Gefährten von Odysseus in Schweine verwandelt; sie muss sie aber wieder in Menschen zurückverwandeln.

Boethius verwendet die Erzählung, um darzustellen, dass äusseres Gift (venenum) nur den Körper des Menschen zu verändern vermag, aber nicht sein Herz; unheilvoll wirkt dagegen das Gift, das der Mensch in sich selbst hat.

Die Einleitung zum Gedicht im Buch 1501 sagt: ostendit transformationem entis per vitia esse peiorem transformatione corporis.

Bei Boethius sind die Gefährten nicht nur in Eber, sondern auch in Löwen, Wölfe (erwähnt in Odyssee 10, 212) und Tiger verwandelt. Bereits in der vorhergehenden Prosa (IV pr. 3) werden Laster als Tiere allegorisiert: Habgier ≈ Wolf; Zank ≈ Hund; Hinterlist ≈ Fuchs; Zorn ≈ Löwe; Feigheit ≈ Hirsch; gierige Lüste ≈ Sau.

Das Bild zeigt das Schiff des Odysseus mit gelegtem Segelmast (abgebrochen kann er nicht sein, denn Odysseus fährt ja nach dieser Episode weiter); am Land ein Schwein und eine (Pinzgauer) Ziege.

Interessant ist der Vergleich mit dem analogen Bild in der Schedelschen Weltchronik (1493), Blatt XLI (recto), wo es heisst. dass Ulixes (als Augustinus und Boecius schreiben) in ein Land kam, wo Circis die schwartz könsterin die Gefährten dann verzaubert.

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Die Natur regiert alles (III, metr. 2)

An drei Beispielen wird gezeigt, wie gewaltig die Natur alles mit Gesetzen regiert. Für jeden Fall enthält das Bild eine präzise Illustration.

(1) Der an einer Kette gebundene Löwe leckt die Hand seines Dompteurs; aber wenn er Blut riecht, zerreisst er die Fesseln und zerfleischt diesen:

Si cruor horrida tinxerit ora,
Resides olim redeunt animi
Fremituque gravi meminere sui.

Hier die Übersetzung von Knorr von Rosenroth (S.122):

Wird nur ihr maul einmal mit blut gefärbet,
so bricht der muht, der ihnen angeerbet,
mit brüllen aus und zeiget wer sie sind:
Denn muß kein band den starcken hals mehr drücken,
der sonsten doch sie zähmt und bindt.

(2) Der im Käfig gefangene Vogel sehnt sich nach seinem früheren Aufenthaltsort im Wald zurück, wo ein anderer fliegt.

(3) Die gebogene Gerte springt, losgelassen, in ihre frühere Stellung zurück.

Validis quondam viribus acta
Pronum flectit virga cacumen.
Hanc si curvans dextra remisit,
Recto spectat vertice caelum.

In der Übersetzung 1473:

Auch wirdet die gertte zu zeiten so sie mit starcken krefften angegriffen wirt auß dem gipffel gebogen. So aber darnach die gebogen rechte hand wider von ir last. So richtet sie sich wider auff oder sieht gen himmel.

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Lust und Leid (III, metr. 7)

Über zur Reue führenden körperlichen Vergnügungen (de corporibus voluptatibus) war in der Prosa (III, p. 7) soeben die Rede, jetzt folgt ein Vergleich:

Wie die Bienen einerseits Honig schenken, aber auch einen schmerzhaften Stich hinterlassen, so hinterlässt die süße Lust einen Stachel im Herzen.

Wann das hat ein yeglicher wollust. das er mit stacheln oder schmertzen vmbtreibt oder müet die sich des gebrauchend. vnd in der weise der fliegende pynen. wo die vor anneme [mhd. annæme ≈ angenehm] suossikeit hat außgegossen. do fleüht sie nu vnd mit vast fleissigen pisse trifft sie die hertzen die sie durchslagen hat (Übersetzung 1473).

Die fliegenden Bienen sind leicht ins Bild umsetzbar, der Stachel im Herzen nicht. – Könnte die Personengruppe mit der Frau, dem älteren und dem jungen Mann, der mit der Hand eine Biene abzuwehren scheint, auf einen geplanten Seitensprung hinweisen?

Möglicherweise spielt hier der Rand-Kommentar von 1501 hinein: Licet omnis voluptas corporalis primo delectet & postea pungat ad modum apum cum hoc maxime inuenitur in voluptate venerea [Mlat. venerius ≈ mit Bezug auf erotische Lust]; es folgen Warnungen vor coitus.

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Die Schandtaten von Kaiser Nero (II, metr. 6)

Im vorhergehenden Prosatext war das Thema: Die weltlichen Ämter und Ehrenstellen haben nichts mit der wahren Würde (vera dignitas) zu tun. Boethius exemplifiziert das nun mit den Schandtaten von Kaiser Nero.

Antike Quellen: SUETON erzählt in den Kaiserbiographien (Nero, insbes. ¶ 34 und 38) vom Brudermord, Vatermord, Muttermord und vom Anzünden der Stadt Rom. — Vom Brand Roms berichtet auch LIVIUS in den Annalen, XV, 38ff. — Weitere Quellen: SENECA, Octavia — CASSIUS DIO, Römische Geschichte, 62.Buch, ¶ 13–18).

Das Bild zeigt Nero gekrönt auf einer Zinne, seine Taten betrachtend. Hinten das brennende Rom, gut erkennbar am Pantheon; vorne eine Mordtat; rechts im Haus: Nero betrachtet die Leiche seiner von ihm ermordeten Mutter. Die Verse

Corpus et visu gelidum pererrans
    Ora non tinxit lacrimis, sed esse
    Censor exstincti potuit decoris.

beziehen sich auf die Greueltat, von der Sueton berichtet: Nero habe die Glieder der Toten betastet, das eine getadelt, das andere gelobt.

Knorr von Rosenroth übersetzt (S.102):

Ja der der Mutter blut aus raserey vergossen,
Und ihren kalten leib, der ihn vor eingeschlossen,
Gantz üppig durchgesehn, und härter als ein stein,
Noch über ihrer zier ein Richter wollen seyn.
Und dieser hat dennoch den grossen Stab geführet,
Und alles Volck beherrscht, ...

Zur Ikonographie von Nero vgl. den Artikel von Dieter Marcos im Reallexikon für deutsche Kunstgeschichte (2016)

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Würfelspiel (II, pr. 8 und IV, pr. 1)

Ein Beispiel dafür, dass dasselbe Bild für zwei Texte verwendet wurde.

(1) Die Philosophie argumentiert in II, pr. 8, dass ein widriges Schicksal den Menschen zuträglicher ist als ein günstiges. Das Glück täuscht immerfort, während das immer unbeständige Unglück durch den ständigen Wechsel sich als wahr erweist. Jenes täuscht, dieses belehrt (illa fallit, haec instruit). Das üble Geschick offenbart die Gesinnung treuer Freunde.

In er Übersetzungt von 1773: Oder maynst du das das unter den kleynsten guten zeschatzen sey daß das scharpf vnd grausam gelücke das gemüete der getreüen freünde hat geoffemwart.

Das Bild zeigt Männer beim Würfelspiel; darüber Gott im Strahlenkranz (nicht im Text vorkommend). Ein Mann (mit zerlumptem Gewand; offenbar ein Verlierer) hat sich vom Spieltisch abgewendet und richtet sich gegen zwei in einer Haustür Erscheinende – Sind es Geistliche in einer Kapelle? Sind damit die Freunde gemeint?

(2) In IV, pr. 1 wird die Frage thematisiert, wie das Böse überhaupt und dazu ungestraft sein kann, obwohl doch ein guter Lenker existiert (rerum bonus rector existat) – die klassische Frage der Theodizee. Die Philosophie beruhigt Boethius: Niemals bleiben Laster ohne Strafen, die Tugenden ohne Lohn; den Guten wird immer das Glück zuteil (bonis felicia, malis semper infortunata ...).

Das Spiel als Laster und der Verlierer mögen den Anlass für die Wiederverwendung gegeben haben. Im Gegensatz zur Verwendung bei II, pr. 8 passt hier das Bild des Allmächtigen im Strahlenkranz; vgl. dazu den Kommentar bei Anmerkung d (1501): homo cognoscit suum creatorem, qui de nihilo fecit omnia.

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Nur Ruchlose streben nach Ehre und Macht (II, pr. 6)

Der Illustrator hat diesen Vergleich zu Beginn des Texts herausgegriffen:

Quid autem de dignitatibus potentiaque disseram, quas vos verae dignitatis ac potestatis inscii caelo exaequatis? Quae si in improbissimum quemque ceciderunt, quae flammis Aetnae eructantibus, quod diluvium tanta strages dederint?

Übersetzung von 1473: Was sol ich aber außsprechen von der wirdikeit [mittelhochdeutsch wirdicheit: hohes Ansehen, Würde] vnd von dem gewalt. welliche. ir die da die waren wirdikeit vnd gewalt nicht wisset. zu gleicht dem himel. Vnd ob sie halt vallent in einen yeglichen allerpösten menschen. So wirt es vmb sie ergeen. als es nie geschach zu der zeit do die flammen von dem perg Ethna außprachen. vnd das auch darzu die Sintfluß [am Ende des 15.Jhs. übliich für Sintflut] souil menschen plage oder töde nie zubracht. als die wirdikeit gethan haben.

Das Bild zeigt, wie der ausgebrochene Aetna böse Männer zu Tode gebracht hat. — Im Kontrast zu den Bösewichten ist in der rechten Bildhälfte die Arche von Noah mit der den Ölzweig bringenden Taube (Genesis 8,11) zu sehen.

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Die vier Zonen der Erde (II pr. 7)

Ein Beispiel für einen Fehler. – Die Philosophie will darlegen, wie nichtig die Begierde nach Ruhm und der Ruf um Verdienste im Staat sind. Dazu führt sie aus, wie klein die Erde im Vergleich zum ganzen Himmelsraum ist und dass nur der vierte Teil der Erde von uns bekannten Lebewesen bewohnt wird (quarta fere portio est … quae nobis cognitis animantibus incolatur); wenn man dann noch abzieht, was davon Meer und Sümpfe bedecken, so bleibt für den Menschen ein sehr kleiner Raum.

Der Illustrator zeichnet eine durch Flussläufe aufgeteilte vierteilige Erde. (Philosophie und Boethius sind rechts unten im Bild integriert.) Freilich hat er den Text nicht ganz verstanden: Er zeichnet auf drei der vier Teile Häuser.

Waren die vier Paradiesesflüsse (Genesis 2,10–14) eine Inspirationsquelle?

Hier ein Detail aus der Hereford-Karte, so hat man sich das Ende des 13.Jhs. vorgestellt:

Ernst Schlee, Die Ikonographie der Paradiesesflüsse, Leipzig 1937.

Jean Delumeau, Une Histoire du Paradis, Fayard 1992; Chap. III: Le paradis terrestre et la géographie médiévale

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Orpheus trauert um Eurydike (III, metr. 12)

Sich in gedrückter Stimmung mit Klagen nach unten wenden führt zum Ruin. Boethius veranschaulicht das am Schicksal von Orpheus, der seine Gattin verlor und beim Versuch, sie wiederzugewinnen, starb: Vidit, perdidit, occidit. (Vers 51; Er starb; occidit hier intransitiv zu verstehen; dies steht freilich nicht bei Ovid.)

Quondam funera coniugis
Vates Threicius gemens
Postquam flebilibus modis
Silvas currere, mobiles
Amnes stare coegerat.

Übersetzung von Knorr von Rosenroth (Seite 174):

Als Orpheus sein Gemahl und ihren Tod beklagte,
Daß durch sein kläglich lied die flüsse blieben stehn,
Und mancher dicker wald, weil ihm der thon behagte,
Begunte fortzugehn:
Da legte sich das Reh bey grimmen Löwen nieder,
Auch war kein has’ in furcht, viel minder in gefahr,
Wenn er den Hund ersah; weil dieser durch die lieder
Durchaus besänfftigt war.
So kunte zwar der klang der seiten alles zwingen,
Nur bloß der Meister selbst trat hier nicht in die pflicht;
Sein innerlicher brand ward stärcker von dem singen,
Und ließ sein toben nicht.
Da klagt er, daß die Macht, die in der höh regieret,
Gantz unerbittlich wär, und gieng zur Unter-schar,
[...]

Welcher Text hat Boethius vorgelegen?

Vgl. Helga Scheible S. 118–125.

Dass Orpheus trauernd singt, findet sich bei VERGIL (Georgica IV, 464): Er schlug, sein krankes Herz zu trösten, die Leier. Der Rand-Kommentar 1501 sagt: habuit uxorem dictam Euridicen ..., quam Orpheus cum inferis volens reducere, deos supernos sua cythara placare coepit.

Bei OVID (Metamorphosen X, 11) steht indessen nur, dass Orpheus Eurydike lange beweinte (quam satis ... deflevit vates). Später (Met. XI, 1ff.) heisst es dann, dass Orpheus mit seinen Liedern die wilden Tiere, Wälder und Felsen bezaubert, – bevor ihn dann die zornigen Thrakerinnen töten.

Diese Szene XI,1f. in der illustrierten Ovidausgabe Venedig 1497:

Dass Orpheus bei seinem Trauergesang wilde Tiere besänftigt, steht bei MARTIANUS CAPELLA, (De nuptiis Philologiae et Mercurii, 9.Buch, ¶ 907): Orpheus singt, um in die Unterwelt zu gelangen, und mit diesem Gesang soll er all die reißend wilden Tiere gebändigt haben (quo canto stupidae tigridis ira ruit …).

Weitere antike Stellen zum singenden Orpheus in den zitierten Kommentaren. — Es lassen sich mehrere Parallelen zu MARTIANUS CAPELLA ausmachen, vgl. das (auf die Fußnoten im Buch verweisende!) Register in Galonnier/Charlet, S. 541.

Das Bild zeigt den um Eurydike trauernden Orpheus sowie Tiere: Hirschkuh, Löwe, Hase und Hund, wie sie im Text von Boethius erwähnt sind.

John Block Friedman, Orpeus in the Middle Ages, Syracuse University Press 2000 verweist (S.156f.) auf die auf ca. 1420 zu datierende Illustration in ALBERICUS, «De deorum imaginibus libellus», Vat. MS. Reg. Lat. 1290; fol. 5 recto: Orpheus spielt ein Saiteninstrument; auf der einen Seite lauschen Tiere (worunter ein Einhorn und ein Drache); auf der andern Seite wird Eurydike von zwei Teufeln aus dem Rachen der Unterwelt geführt.

Friedman verweist (S.172) auf eine Illustration zu CHRISTINE DE PISAN, »Épitre d’Othéa«, Erlangen, Universitätsbibliothek MS 2361, fol. 89 verso, wo Orpheus mit Harfe (vor dem Tor der Unterwelt?), mehrere Tiere und die tote Eurydike zu sehen sind. (Wer ist der Mann mit der Lanze? Aristaeus?)

Der Text von Notker von St.Gallen († 1022) enthält • einen in einen ›Ordo naturalis‹ umgesetzten Text des lateinischen Boethius-Texts • die althochdeutsche ›Interpretatio‹ (mit lat. Reservaten) • ›Enarrationes‹ (aus zwei Kommentaren) und weiterführende Erläuterungen.

Hier eine Kostprobe; vgl. Stefan Sonderegger, Orpheus und Eurydike bei Notker dem Deutschen: Besonderheiten einer dichterischen Schulübersetzung, in: Grammatica ianua artium = Festschrift für Rolf Bergmann zum 60. Geburtstag, hg. von Elvira Glaser und Michael Schlaefer ..., Heidelberg: Winter 1997, S.115–138 [mit Übersetzung in heutiges Deutsch]

Tô íu orpheus musicus . fóne tracia . sînero chénûn dôd chlágonde mít cháreléichen . ketéta den uuáld kân . únde die áhâ gestân. Únde diu hínda báldo gîeng mít tien léuûon . nóh háso húnt nefórhta . stílle uuórtenen fóne sánge.

Tánne er óuh tára nâh hártôr châle nâh temo vuîbe . únde ín netrôstîn sîne léiche . dîe állíu díng málzíu getân hábetôn . úngnâdige chédende die hímel-góta . fûor er ze dien hélle-góten.

Únde dâr rértende sûozo héllentíu séit-sáng . sô er scônisten gelírnêt hábeta be sînero mûoter caliopea . dero musa . únde ín dér vuûoft scúnta . dér lúzzel gemáhta . únde ín des vuîbes mínna lêrta . díu ímo den uuûoft ráhta . dáz sáng er . únde rôz . únz is hélla erdrôz.

[…]

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Vorhersehung oder freier Wille? (V, pr. 4)

Thema der langen Abhandlung ist die alte (auch für Boethius) schwierige Frage nach der Vereinbarkeit von göttlicher Vorsehung und menschlichem freien Willen (im Titel 1501: de compassibilitate providentiae et liberi arbitrii).

Vgl. Augustinus, Civitas Dei V,9: De praescientia dei et libera hominis uoluntate.

Vgl. Peter von Moos, Das Geheimnis der Prädestination im Mittelalter, in: Internationale Zs. für Philosophie 2004 / Heft 4, S.158–192.

Das zentrale Argument ist: Aus dem Vorwissen ergibt sich keine Notwendigkeit. Es ist nur ein Zeichen dieser Notwendigkeit. Das menschliche Vorauswissen zukünftiger Dinge ist nicht die zwingende Ursache dieser Ereignisse; die Vorstellungskraft ist nicht identisch mit der göttlichen Providenz.

Die Veranschaulichung der Philosophia lautet:

Plura etenim, dum fiunt, subiecta oculis intuemur, ut ea, quae in quadrigis moderandis atque flectendis facere spectantur aurigae, atque ad hunc modum cetera. Num igitur quicquam illorum ita fieri necessitas ulla compellit?

Wir sehen viele Dinge, die vor unsern Augen geschehen, so wie man etwa die Wagenlenker (auriga) sieht, wie sie ihr Viergespann (quadriga) lenken und umwenden …; zwingt nun irgend eine Notwendigkeit, dass es so geschieht? Boethius darauf: ›Gewiss nicht. ...‹

Der Vergleich führt zum Bild: Drei Personen betrachten einen Fuhrmann, der mit erhobener Peitsche im Begriff ist, wegzufahren. (Der Hackende im Hintergrund ist wahrscheinlich Kolorit.) Mit den drei Personen sind die den Wagenlenker Betrachtenden gemeint, die "voraus wissen, dass" dieser jetzt dann wegfahren wird; vgl. die Handgeste.

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Wachstafel und Spiegel der Erkenntnis (V, metr. 4)

Antike Autoren, insbesondere die Stoiker kennen das Tabula-rasa-Modell für die Erkenntnis:

Bei PLATON (Theaitetos 191c) dient der Vergleich dem Erinnerungsvermögen: Nimm an, dass in unseren Seelen eine wächserne Tafel sei, welche Abdrücke aufnehmen kann … bei dem einen von reinerem Wachs, bei anderen von schmutzigerem …

Bei ARISTOTELES (de anima III,14 ≈ 429b) wird das Bild dann für die Erklärung der Passivität des Erkenntnisvorgangs verwendet: Der Geist ist der Möglichkeit nach die denkbaren Dinge, aber der Wirklichkeit nach keines, bevor er es denkt. Dies muss so sein wie auf einer Schreibtafel, auf der faktisch noch nichts geschrieben ist.

Möglicherweise kannte Boethius auch diese prägnante Stelle von ALEXANDER VON APHRODISIAS (um 200 n.Chr.):

Der materielle Verstand ist also nur eine Eignung zur Aufnahme der Formen [eidos], ähnlich einer unbeschriebenen Tafel [pinakis], oder eher noch (ähnlich) dem Nicht-beschrieben-sein (der Tafel), und nicht der Tafel selbst. […] Daher wären die Seele [psyche] und das sie In-sich-tragende eher die Schreibtafel, der Verstand, den man materiell nennt, (wäre) das Nicht-beschrieben-sein in ihr oder die Eignung beschrieben zu werden.

»De anima«, Edition Bruns, Berlin 1887, 138v, 21–29 (kursorische Übersetzung von Darko Senekovic)

Diese sensualistische Theorie verwirft Boethius:

Nach seiner Theorie kombiniert die Kraft des Geists (mentis vigor) die in ihm befindlichen Schemata (species) mit den äusseren Eindrücken (imagines) und erzeugt so die Erkenntnis. Hier der ganze Text V, metr. 4 (Die Übersetzung verdanken wir Darko Senekovic und Barbara Braune-Krickau):

Einst brachte die Agora [von Athen] über die Maßen obskure Greise hervor, die meinen, die Sinneseindrücke und Abbilder würden dem Verstand durch ausserhalb liegende Körper eingeprägt, so wie man mitunter mit flinkem Griffel auf der Glätte der Schreibtafel, die (noch) keine Zeichen enthält, gewohnt ist Buchstaben zu formen, die eingeprägt werden (Ut quondam celeri stilo | Mos est aequore paginae | Quae nullas habeat notas | Pressas figere litteras.)

Doch wenn der krafttätige Verstand aus eigenem Antrieb nichts zustandebringt, sondern, den Prägebildern der Körper ausgesetzt, nur erleidend daliegt und wie ein Spiegel nichtige Abbilder der Dinge wiedergibt (cassasque in speculi vicem | rerum reddit imagines), woher kommt es dann, dass in den Seelen dieses alles unterscheidende Erkennen derart tätig ist?

Welche Kraft nimmt das Einzelne wahr oder welche trennt das Erkannte voneinander, welche fasst das Getrennte wieder zusammen und – wechselweise einen anderen Weg wählend – bald ihr Haupt ins Höchste steckt, bald sich weit ins Niedrigste entfernt, sodann – sich zu sich selbst zurückführend – Falsches durch Wahres berichtigt?

Diese (Kraft) ist eine bei Weitem mächtigere bewirkende Ursache als diejenige, welche nur die in die Materie eingeprägten Zeichen erduldet.

Voran geht jedoch eine die Kräfte der Seele antreibende und bewegende Empfänglichkeit im lebendigen Körper, sei es, wenn Licht die Augen trifft oder wenn eine Stimme in den Ohren ertönt.

Sodann verbindet die in Bewegung gesetzte Tatkraft des Verstandes die Ideen, die sie im Inneren trägt – diese zu ähnlichen Regungen aufrufend – mit dem, was im Äusseren erkannt wird und verschmilzt die Abbilder mit den im Inneren liegenden Formen. (Notis applicat exteris | Introrsumque reconditis | Formis miscet imagines.)

Das Bild dazu zeigt drei stehende Männer in einem Gebäude. Sind das greise Stoiker (vgl. im Rand-Kommentar 1501: Senes. Stoici dicebant senes propter maturitatem morum) oder allenfalls Personifikationen der im Text (Vers 31) genannten vires animi ≈ Seelenvermögen? (Ein Benutzer des Buchs hätte sich allenfalls an AUGUSTINs memoria, voluntas, intellectus erinnert.)

Daneben sitzt ein mit Wachstafel und Griffel tätiger Schreiber. Hier ein Bild aus der der Handschrift »Scivias« (Wisse die Wege, 1141ff. entstanden): Hildegard von Bingen wird inspiriert und sie notiert. – Man kannte diese Technik im 16.Jh. noch:

Über dem Schreiber ein Spiegel (in der damals üblichen Form eines konvexen Bullaugenspiegels):

(aus dem Ständebuch von Hans Sachs mit Holzschnitten von Jost Amman 1568)

Der Affe im Randfüllerbild passt hier gut dazu: Er meint, er binde die Säule an, dabei wird er angebunden!

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Die Taten von Agamemnon, Odysseus, Herakles (IV, metr. 7)

In IV, pr. 7 erklärt die Philosophie in einem Dialog dem Boethius, dass jedes Geschick (fortuna) für den Tugendhaften gut ist, indessen für die in Bosheit Verharrenden (in improbitate manentibus) schlecht.

Das widrige Geschick stellt ein Hindernis (difficultas) dar; es ist indessen sowohl für die tapferen Männer im Krieg ein Mittel um Ruhm zu erwerben, als auch für die Weisen um Weisheit auszubilden (conformandae sapientiae).

Etymologisch: die Tugend (virtus) wird so bezeichnet, weil sie, auf ihr Kräfte (vires) gestützt, vom Widerwärtigen nicht besiegt wird.

Im darauf folgenden Gedicht (IV, metr. 7) werden als Musterbeispiele erwähnt:

Agamemnon (Atrides) im zehnjährigen trojanischen Krieg Bella bis quinis operatus annis
Ultor Atrides Phrygiae ruinis
Fratris amissos thalamos piavit. ...
(Verse 1–7)
Odysseus (Ithacus, so Vergil, Aen. II,104) bei der Bekämpfung des grausen Riesen Polyphem in der Felsengrotte Flevit amissos Ithacus sodales,
Quos ferus vasto recubans in antro
Mersit immani Polyphemus alvo. ...
(Verse 8–12)

 

Herakles (Hercules), dessen Taten geschildert werden (Verse 13ff.)*

*) Herakles wurden von verschiedenen antiken Autoren verschiedene Arbeiten zugeschrieben. Vgl die Listen bei Apollodor, »Bibliotheke« II, ¶ 74–126 sowie Hygin, Fabulae, 30 und 31.

Boethius nennt diese Taten von Herakles:

Herculem duri celebrant labores:  
Ille Centauros domuit superbos, (a) Kentaurenkampf (Nessus)
Abstulit saevo spolium leoni (b) Erwürgung des Nemeischen Löwen (dessen unverwundbares Fell sich H. dann aneignet).
Fixit et certis volucres sagittis, (c) H. schießt die menschenfressenden Vögel am See Stymphalos mit Pfeilen ab.
Poma cernenti rapuit draconi
Aureo laevam gravior metallo,
(d) Die goldenen Äpfel der Hesperiden gewinnt Herakles, nachdem er den bewachenden Drachen Ladon getötet hat.
Cerberum traxit triplici catena. (e) H. überwältigt den Höllenhund Kerberos.
Victor immitem posuisse fertur Pabulum saevis dominum quadrigis. (f) Den thrakischen König Diomedes wirft H. dessen menschenfressenden Rossen vor. (< Hygin)
Hydra combusto periit veneno, (g) H. tötet die neunköpfige Schlange Hydra.
Fronte turpatus Achelous amnis Ora demersit pudibunda ripis. (h) Der Flussgott Acheloos, der um Deianeira warb, wird von Herakles in einem Ringkampf besiegt.
Stravit Antaeum Libycis harenis, (i) Der riesenhafte König Antaios wird von H. im Ringkampf getötet.
Cacus Euandri satiavit iras, Quosque pressurus foret altus orbis, (j) Das in einer Höhle hausende Ungeheuer Cacus wird von H. getötet (vgl. Vergil Aen. VIII,190 ff.)
Saetiger spumis umeros notavit. (k) Der Erymanthische Eber (saetiger) wird von H. gefangen.
Ultimus caelum labor inreflexo Sustulit collo pretiumque rursus
Ultimi caelum meruit laboris.
(l) Herkakles überlistet Atlas.

In den Randkommentaren von Ps.-Thomas stehen Erläuterungen in Prosa.

Beim Gedicht steht dieses Bild; ein ›Wimmelbild‹:

Zwecks Identifikation ist das Bild hier zerlegt und die einzelnen Szenen sind freigestellt:

Unten links stehen die Philosophie und Boethius; hier ins Bild integriert.

Unten Mitte: Die Kette, an der das Tier gezerrt wird, könnte sich auf den Höllenhund (e) beziehen (Cerberum traxit triplici cathena), aber das Tier hat nur éinen Kopf.

Im Kommentar am Rand: Hercules autem ipsum tribus cathenis vinxit. Vel secundum alios traxit ipsum de inferno triplici cathena quam dicitur habere tria capita canina triplici cathena vincta.

Unten rechts: Agamenmnon im trojanischen Krieg:

Mitte links: (g) die neunköpfige Schlange Hydra:

Mitte in der Mitte: (a) Herakles bekämpft die Kentauren:

Mitte rechts: Der von Odysseus bekämpfte einäugige Riese Polyphem vor der Höhle:

Im Kommentar am Rand: Vlixes … venit ad antrum Poliphemi qui erat maximus gigas habens unicum oculum in fronte qui socios ulixis occidit et voravit ....

Oben links: Die von Herakles nicht getötete Kerynitische Hirschkuh mit den goldenen Hörnern? (Apollodor ¶ 81–82) — Oder eher der Kretische Stier? (Apollodor ¶ 94–95) — Beide kommen im Text des Boethius nicht vor.

Oben Mitte: (f) Den thrakischen König Diomedes wirft Herakles dessen menschenfressenden Rossen vor. (Hygin: Diomedem Thraciae regem et equos quattuor eius, qui carne humana vescebantur, cum Abdero famulo interfecit) – ob aus dem Sack Menschenfleisch geschüttet wird, erkennt man freilich kaum; und es sind nur drei Pferde.

Oben rechts: (d) Die goldenen Äpfel der Hesperiden gewinnt Herakles, nachdem er den bewachenden Drachen Ladon getötet hat:

Fazit:

Die Einzelbilder entstammen dem Text von Boethius.

• Unklar ist das mächtig gehörnte Tier oben links, von dem im Gedicht von Boethius nicht die Rede ist. Kannte der den Illustrator Inspirierende (Sebastian Brant?) mehr Herakles-Texte als den von Boethius? — Vgl. im Text der Vergilausgabe unten (m): Cornibus auratis Cervum necat.

• Unklar ist das Tier unten in der Mitte: (e) aber mit nur einem Kopf. Barthel Beham zeichnet den Cerberus an den Ketten dann 1545 richtig so:

 

Im Anhang der Vergilausgabe Straßburg: Grüninger 1502, nach dem 13. Buch = Supplement von Maffeo Vegio (1407–1458), folgt unter dem Holzschnitt aus Boethius 1501 dieses Gedicht (neue Paginierung Fol.IX verso)

Balkentitel: De Herculis Laboribus  
Compressit Nemeae primum virtute Leonem. Bei Boethius: (b)
Exstincta est anguis, quae pullulat Hydra secundo. (g)
Tertius evictus Sus est Erimanthius ingens. (k)
Cornibus auratis Cervum necat ordine quarto, (m) Die Kerynitische Hirschkuh mit den goldenen Hörnern
Dejicit Horrisono quinto Stymphalidas arcu. (n) Tötung der Stymphalischen Kraniche (< Apollodor)
Abstulit Hippolytae sexto sua balthea victae. (o) Gürtel der Hippolyte
Septimus Augiae stabulum labor egerit undis (p) Ausmisten des Augias-Stalls
Octavo domuit magno luctamine Taurum. (q) Raub der Rinder des Riesen Geryon (< Hygin 30)
Tum Diomedis Equos nono cum Rege peremit. (r) Zähmung der Rosse von Diomedes
Geryonem decimo triplici cum corpore fudit. (s) Tötung des Geryon mit einem Pfeil
Undecimo abstractus vidit nova Cerberus astra. (e)
Postremo Hesperidum victor tulit aurea mala. (d)

Der Text wird einem Hilasius / Hylasius zugeschrieben; auch ein Jugendwerk von Laktanz wurde vermutet. (Dank an Fabian Zogg für die Hinweise!)

Emil Baehrens, Poetae Latini minores, Vol. IV, Leipizig 1882, S. 146: Hilasii dodecasticha de Hercule

Alexander Riese, Anthologia Latina, Pars prima, Fasciculus II, Leipzig 1870, Nummer 627 mit der Lesart
Oppressit Nemeae ... zu Beginn.

Anne Friedrich, Das Symposium der XII sapientes: Kommentar und Verfasserfrage. Berlin/New York 2002; S. 250–269; S. 481ff.

Das Wimmelbild passt nicht zum Text in der Vergilausgabe. Dem Verleger Grüninger stand der Holzschnitt ja zur Verfügung, und er fügte ihn ein, wo von den Taten des Herakles (De Herculis Laboribus) die Rede ist.

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Der Prozess der Visualisierung

Bilder können aus dem höchst subtilen philosophischen Text von Boethius nur generiert werden, wenn dieser ein historisches oder fabulöses Beispiel enthält oder ein Exemplum beibringt oder den Gedanken in eine Allegorie umsetzt. Der Illustrator kann

(i) einen abstrakten Satz (Beispiel: ›Die Natur regiert alles.‹ III, metr. 2) nicht direkt visualisieren. Er greift eine bereits im Text vorhandene

(ii) Veranschaulichung heraus (im Beispiel: Die gebogene Gerte springt, losgelassen, in ihre frühere Stellung zurück.) und setzt diese in ein

(iii) optisches Bild um.

Stichworte zur ›Veranschaulichung‹ in der antiken Rhetorik: einen Sachverhalt sub oculos subicere (QUINTILIAN VIII,vi,19), quo probabilius fit quod intendimus (QUINTILIAN V,xi,24); der Redner soll rem dicendo subicere oculis (CICERO, Orator, xl, 139). – Dazu dienen etwa Exempla, Allegorien, Personifikationen.

Gelegentlich ersinnt der Illustrator direkt ein Bild. Beispiel: Wenn sich Menschen den Lastern ergeben und von verderblichen Leidenschaften umgetrieben sind (V, pr. 2) – das visualisiert er direkt (für die Laster) mit Jagd und Spiel.

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Exkurs: Funktionen von textbegleitenden Illustrationen in zeitgenössischen Büchern

Wir konzentrieren uns auf die Intermedialität im Printmedium in der Epoche um 1500.

Allgemein gilt, dass nach der Gutenbergschen Erfindung ein Markt entstand, und damit Konkurrenz und das Bedürfnis, die eigenen Erzeugnisse als solche zur Geltung zu bringen. Das konnte unterstützt werden durch die Beigabe von einprägsamen Illustrationen. Die eigentlichen Funktionen der Bilder sind unter diesem Gesichtspunkt indessen nicht erfasst.

Wir konzentrieren uns auf die Frage: Worin liegt der Mehrwert der bildhaften Darbietung gegenüber der im Kontext stehenden verbalen?

Nicht beachtet werden im folgenden formale Aspekte, wie z.Bsp. dass ein Bild immer zu einer Konkretisierung der sprachlich oft abstrakt formulierten Angaben zwingt und dass insbesondere der Holzschnitt zu einer Umsetzung in eine konkrete Situation (jemand ist krank → die Person liegt im Bett) bzw. in eine plakative Darstellung der Gesichtszüge (Schönheit, Brutalität usw.) und der Körperhaltung zwingt. Texte schildern Vorgänge, während ein Bild nur eine Phase herausgreifen kann, auch diese Problematik bleibt hier unberücksichtigt. Wie zeichnet man ›Reue‹ ?

Wir wollen uns nicht mit dem Satz begnügen, der 1501 nach dem Vorwort im an den wissbegierigen Leser gerichteten Text steht [unpaginiert]: Quaelibet etiam pars suas habet sculptas imagines: ut saltem hae eum oblectarent & allicerent. (≈ Jeder Teil hat auch seine eigenen geschnittenen Bilder, damit ihn [der Leser ist angesprochen] mindestens diese erfreuen und an sich ziehen.)

Einige Typen seien hier vorgestellt:

• Zur "augenblicklichen" (Wieder-)Erkennbarkeit (Contrefait-Funktion) dienen mimetische Abbildungen eines realen Gegenstands / Tiers / einer Stadtvedute (SCHEDEL, »Weltchronik« 1493) / von Handwerksinstrumenten / der Anatomie / von Pflanzen (»Gart der Gesundheit« 1485).

• Stadtansichten in der Schedelschen Weltchronik (1492) sind in Kavaliersperspektive dargestellt, d.h. die Vedute sieht aus, als sei sie von einem ›Kavalier‹ (= in der Sprache der Festungsbauingenieure: eine erhöhte Geschützstellung) aus gezeichnet wäre. Das ist kein Contrefait (der erste bemannte Ballon startete erst 1783), sondern ein Konstrukt mit der Funktion einer virtuellen Zusammenschau.

• Schemazeichnung eines abstrakten Phänomens. Beispiel: Eine Mondfinsternis entsteht, wenn die Erde auf einer Linie zwischen Mond und Sonne liegt (Beispiel; REISCH, »Margarita« VII, i, 36 eclipsis lunæ). Zweck: Erklärhilfe durch Visualisierung.

Eine Palette unterschiedlicher Visualisierungen enthält die Enzyklopädie von Gregor Reisch: MARGARITA PHILOSOPHICA totius Philosophiæ Rationalis / Naturalis & Moralis principia dialogice duedecim libris complectens, Freiburg/Br.: Schott 1503. – Grüninger hat davon 1504 einen Raubruck hergestellt.
Mehr dazu hier
.

• Giovanni Boccaccio (1313–1375) hat in seiner »Genealogia Deorum« Götterstammbäume gezeichnet. Sie dienen dazu, (sprachlich ausgedrückte) komplexe Verhältnisse simultan übersehbar zu machen.

Genealogie Johannis Boccacii cum micantissimis arborum effigiationibus cujusque gentilis dei progeniem, non tam aperte quam summatim declarantibus cumque praefoecunda omnium quae in hoc libro sunt ad finem tabula. Parrhisiis: Louis Hornken 1511.

Instruktion für das Herstellen eines Artefakts:

M. Vitrvvivs Per Iocvndvm Solito Castigatior Factvs Cvm Figvris Et Tabvla Vt Iam Legi Et Intelligi Possit, Impressum Venetiis 1511.
Digitalisat bei http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de

• Bildliche Umsetzung mit mnemotechnischer Funktion

In welchem Sternzeichzen an welchem Körperteil zur Ader gelassen werden soll:

Fasciculus medicinae, auctore Johanne de Ketham, revisus per Georgium de Monteferrato. Impressum Venetiis per Johannem et Gregorius fratres de forlivio 1491. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b525042817/f15.item

• Bildliche Umsetzungen eines profanen Erzähltexts, der von konkreten Personen und deren Taten handelt, dienen wohl zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit:

Zu VERGILs Aeneis (1502) werden meistens Kämpfe und die sie steuernden anthropomorphen Gottheiten in Bilder umgesetzt.

Realistische Darstellungen zeigt auch die Ausgabe von LIVIUS (Mainz: Schöffer 1505). Beispiel: Der Kampf des Feldherrn Atilius Regulus gegen einen Drachen

Vgl. dazu diese Sammlung

• Erzählung mit fiktiven Handelnden/Handlungen:

Fabelillustrationen zeigen in der Regel "menschlich" handelnde realistische Tiere, amüsant .

Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, Impressi Basilee] : [opera et impensa Iacobi de Phortzheim], [Anno 1501]

https://archive.org/details/gri_33125008640852/page/n7/mode/2up

Solche Bilder dienen gewiss auch dem Entertainment (oder: Edutainment).

Metamorphosen von OVID, Druck Venedig 1498; hier aus dem Druck Parma 1505: Sol [strahlend] entdeckt, dass Venus und Mars buhlen, und berichtet das dem Ehemann von Venus, dem Schmied Vulkan (griech. Hephaistos) [am Amboss]. Der baut ein eisernes Netz, zart wie Spinnengewebe, und ertappt damit die beiden, wie sie sich gerade umfangen. Die Götter sehen diese Szene und brechen in lautes (‹homerisches›) Gelächter aus. (Metamorphosen IV,171–189)

Beispiel Aktaeon halb noch Jäger, halb schon Hirsch, neben den badende Frauen.

Literaturhinweis: Gerlinde Huber-Rebenich, Ovids Göttersagen in illustrierten Ausgaben des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Wechselseitige Wahrnehmung der Religionen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. II., Berlin: de Gruyter 2012, S.185–207.

• Speziell für Bibelillustrationen gilt seit alters, dass sie den Lese-Unkundigen dienen, sich eine erzählte Begebenheit zu vergegenwärtigen. GREGOR DER GROSSE († 604): Wann warzuo die geschrifft nütz ist denen die sy lesen, darzu dienet den ungelerten das gemeldt, so sy es anschauent. Im gemelt sehent die unwissenden, wem sy sollent nachvolgen. Am gemeldt lesent die so geschrifft nit verstond und wissent. (Übersetzung: Hugo von Hohenlandenberg) — Nach THOMAS VON AQUIN gilt als »triplex ratio institutionis imaginum in ecclesia«: die katechetische im engeren Sinn (instructio), vergegenwärtigende (memoria) und die andachtsfördernde (ad excitandum devotionis affectum) Funktion der Bilder.

Beispiel: Gott speist die Israeliten in der Wüste mit Manna (Exodus 16,14ff.), ein Zeichen für das Wohlgefallen Gottes, das die Christen dann auf Jesus beziehen (Johannes 6,30–33).

[Stephan Fridolin] Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils, Nürnberg: Koberger 1491 [Holzschnitten von Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff]
https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t5fc02j7c

Hierzu wäre beizuziehen die endlose Diskussion zwischen ikonodulen und ikonoklastischen Positionen. Vgl. dazu die umfangreichen Anthologien von Jörg Jochen Berns (Hg.): Von Strittigkeit der Bilder. Texte des deutschen Bildstreits im 16. Jahrhundert.Berlin / Boston: de Gruyter 2014–2023 (3 Bände).

Vgl. die Sammlung von Bibelillustrationen

• Vor einem Handeln (die Frau deines Nächsten begehren) warnen wird hier visualisiert durch den Teufel, der die beiden zusammenbringt, mit voraussehbar üblen Folgen.

Der seelentrost mit manigen hübschen Exempeln durch die zehen gebote … Augspurg: Anton Sorg M.cccc.Lxxxii

Fokussierung eines Texts durch visuelle Umsetzung der darin enthaltenen Allegorie. Beispiel: Sebastian BRANT, »Narrenschiff« (1494), Kapitel 39: Wer seine üblen Absichten offen ausspricht, vor dem nimmt sich jedermann in acht. Visualisierbar ist die Umsetzung: Wer vor den Augen der Vögel das Netz ausspannt, wird keine fangen (vgl. Proverbia 1,17).

• Das Bild konkretisiert eine allgemeine Aussage, ein Narrativ steht für ein Abstraktum:

Von lieb vnd leide

Am Rand: Odium pro dilectione mea Psal. 108 [Vg. ≈ Sie vergelten mir Gutes mit Bösem und Liebe mit Hass]

Groß hertzen lieb hat manich man
   Der doch verlüret vil daran
Liebe endet sich gar offt mit leiden
……

Der Freidanck, [hg. von Sebastian Brant; Straßburg: Grüninger 1508]
http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN538610387

Vgl. dazu: Catarina Zimmermann-Homeyer, Das Illustrationskonzept zu Sebastian Brants ›Freidanck‹-Ausgabe von 1508 in: Sebastian Brant (1457–1521). Europäisches Wissen in der Hand eines Intellektuellen der Frühen Neuzeit, hg. von Peter Andersen / Nikolaus Henkel, de Gruyter 2023, S.358–430

• Das parallele Vorzeigen von wirklich sich ereigneten Begebenheiten bzw. naturkundlichen Fakten mit etwas Fragwürdigem erhöht dessen Plausibilität.

    • Die Sonne ging rückwärts (Hiskia 2. Könige 20)
    • Danae wurde vom Goldregen geschwängert
    • Aarons Stab blühte (4. Mos. 17)
    • Die Muscheln werden trächtig vom Himmelstau
    • >>> Warum soll da Maria nicht als Jungfrau das Kind empfangen haben?

Franz von Retz, O.P. († 1427), »Defensorium inviolatae virginitatis Beatae Mariae«; undatiertes Blockbuch

Vgl. hierzu die Ausfürhungen zut Typologie

• Mit diesem Bild lernt man nicht, wie ein Schiff aussieht oder wie man eines handhabt. Es ist auch keine Allegorie. Es ist ein bildlicher Hinweis auf das Thema, das hier behandelt wird, ein Blickfang.

Das siebenundzweintzig. Capitel. Von ter schiffung vnd anden kunsten darunter begriffen. (Fol lxij recto)

Rodrigo Sánchez de Arévalo, Der spiegel des menschlichen lebens [Speculum vitae humanae, aus dem Lat. übers. und mit Widmungsvorrede an Herzog Sigmund von Tirol von Heinrich Steinhöwel [Augsburg: Günther Zainer 1474]
https://www.digitale-sammlungen.de/en/view/bsb00031479?page=146

Literaturhinweis:

Christian Doelker, Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der Multimedia-Gesellschaft, Stuttgart: Cotta 1997. – Kapitel II/4 (S. 70–83).

Vgl. auch > http://enzyklopaedie.ch/dokumente/Funktionen.html

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Funktionen der Illustrationen in Boethius 1501

Vorausgeschickt sei diese Vermutng: Man kann sich vorstellen, dass der Text der »Consolatio« nicht als Ganzschriftlektüre wahrgenommen wurde, sondern selektiv einige Passagen gelesen wurden.

Es lassen sich zwei Funktionen denken:

(a) Die Bilder haben gemäß der rhetorischen Affektenlehre möglicherweise Appell-Funktion, es geht darum, Aufmerksamkeit zu erwecken:

[Auditorem] attentum parare debemus (QUINTILIAN, Institutio oratoria IV, I, 41 und 51).

iubent enim exordiri ita, ut eum, qui audiat, benevolum nobis faciamus et docilem et attentum; deinde rem narrare, ... (CICERO, de oratore II, xix, 80) ≈ [Die Rhetoriker] fordern uns auf, so zu beginnen, dass wir Sympathie, Verständnis und Aufmerksamkeit des Zuhörers gewinnen, sodann den Sachverhalt zu schildern.

Beispiel: Beim Blättern stoße ich auf dieses seltsame Bild (II, metr. 8):

Pferde ziehen einen mit der (halb sichtbaren) Sonne beladenen Wagen; und am Himmel scheint der Mond. Seltsam. Da lese ich doch, was der Text dazu sagt!

Im goldenen Wagen bringt der Sonnengott Phoebus einen rosigen Tag; und die Mondgöttin Phoebe [ein Beiname der Mondgöttin Artemis, vgl. OVID, Metamorphosen I, 11] regiert die Nächte. (Boethius spielt mit den Wörtern foedus [die dauerhafte Bindung im Kampf der Elemente] – PhoebusPhoebe, um die Kon-Sonanz der Weltordnung zu symbolisieren.)

Das Gedicht ist ein Hymnus auf die Liebe, die den ganzen veränderlichen Kosmos mitten im Wechsel in Einklang hält: Quod mundus stabili fide | concordes variat vices … ≈ Ebenso verbindet sie Völker und Gatten. Die Menschen sind glücklich, wenn die Liebe den Geist lenkt, wie sie den Himmel (coelum, machinam) lenkt.

Das Bild ist inspiriert von Darstellungen in Astronomie-Traktaten; der Illustrator vermeidet indessen die Darstellung des personifizierten Phoebus.

Clarissimi Viri Hyginii Poeticon Astronomicon. Opvs Vtilissimum Foeliciter Incipit De mundi & sphaerae ac utriusque partium declaratione, Venetiis 1485.
http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00054124/image_1

(b) Die Bilder haben eventuell auch eine mnemotechnische Funktion.

CICERO schreibt der bildlichen Veranschaulichung einen großen Wert zu:

Wir können uns dasjenige am deutlichsten vorstellen, was sich uns durch die Wahrnehmung unserer Sinne mitgeteilt und eingeprägt hat; der schärfste unter allen unseren Sinnen ist aber der Gesichtssinn. Deshalb kann man etwas am leichtesten behalten, wenn das, was man durch das Gehör oder Überlegung aufnimmt, auch noch durch die Vermittlung der Augen ins Bewusstsein dringt. So kommt es, dass durch eine bildhafte und plastische Vorstellung Dinge, die nicht sichtbar und dem Urteil des Gesichts entzogen sind, auf eine solche Art bezeichnet werden, dass wir etwas, was wir durch Denken kaum erfassen können, gleichsam durch Anschauung behalten. (De oratore, II, lxxxvii, 357)

Versetzen wir uns wieder in die Lage eines Benutzers dieses Buchs.

Ich suche nach dem Kapitel, in dem im Randkommentar die Rede war von die Geilen (luxuriosi) mit ihrer Begierde (concupiscentia); von den die Geizigen (avari & invidi) und von den Hochmütigen (superbi).

Weil der Index nur auf den Boethius-Text verweist, aber nicht auf den Kommentar, finde ich z.B. unter superbus, superbia nichts.

Im Text von Boethius steht (I, metr. 4):

Non illum rabies minaeque ponti
Versum funditus exagitantis aestum
Nec ruptis quotiens vagus caminis
Torquet fumificos Vesaevus ignes
Aut celsas soliti ferire turres
Ardentis via fulminis movebit.

Wer nu sein leben lauter vnd ordenlichen hat angericht […] der möcht ein vnüberwunden gemüete oder antlutz haben. In möcht auch nit überwinden die wuetung vnd die droe des meres. das do die hitz gruntlich außwillet vnd auch der schweflig perg vesuvus genant […] der do oft ußwurft die rauchmachenden fewre […] (Übersetzung 1473)

Der Illustrator hat eine im Text zur Veranschaulichung dienende Passage herausgegriffen: Wer heiteren Muts ist, den wird der Vulkan nicht schrecken – und in ein ›Merk-Bild‹ umgesetzt:

Anhand dieses Bilds finde ich die Stelle sofort wieder. Im Kommentar steht die allegorische Auslegung des Vulkans, was ich suchte:

… ignis Veseui montis: per quem designantur auari & inuidi. Sicut enim ignis veseui montis semper ardet: ita auari ardent in concupiscentia bonorum exteriorum: & sicut ignis eructans quandque consumit loca vicina: sic inuidi quandoque nocent verbis si non possunt factis, & tales inuidi non nocebunt homini constanti.

(c) Weitere Funktionen?

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Literaturangaben

Texte, Ausgaben, Übersetzungen

Claudio Moreschini (Ed.): Boethius: De consolatione philosophiae, opuscula theologica. 2. Auflage, München/Leipzig: Saur 2005.

A. M. S. Boethius: Philosophiae Consolatio. Trost der Philosophie. lateinisch/deutsch, herausgegeben, übersetzt und erläutert von Joachim Gruber, (Mittellateinische Bibliothek), Stuttgart: Hiersemann 2020.

Die Übersetzungen von Richard Scheven (1893), Karl Büchner (1926), Eberhard Gothein (1932), Ernst Neitzke (1959) wurden mitunter beigezogen.

Interessant sind diese frühen deutschen Übersetzungen:

Notker von St.Gallen, [† 1022; ahd. Teilübersetzung, Paraphrasen, Kommentar], hg. E. H. Sehrt / Taylor Starck, (ATB, Bände 32/33/34), Halle 1933/1934. – Hg. von Petrus W. Tax (ATB Bände 94, 100, 101), Tübingen

dazu: Christine Hehle, Boethius in St. Gallen. Die Bearbeitung der »Consolatio Philosophiae« durch Notker Teutonicus zwischen Tradition und Innovation, (MTU 122), Tübingen: Niemeyer 2002.

[Übersetzung von Peter von Kastel:] Hic liber Boecii de consolatione philosphie in textu latina alemanicaque lingua refertus ac translatus una cum apparatu & expositione beati Thome de aquino ordinis predicatorum finit feliciter. Anno domini M.CCCC.lxxiij. xxiiij July. Condidit hoc Civis alumnus Nurembergensis Opus arte sua Antonius Coburger [1473].
https://dlib.gnm.de/item/2Inc28552

[Übersetzung von Peter von Kastel:] Boecius der hochberümpt meister vnd Poet von dem trost der weißheit, Straßburg: Johann Schott, 31. August 1500.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/boethius1500

[Übersetzung von Johann Helwig]: Severini Boethii Christlich vernünftiges Bedenken, Wie man sich bey vordringendem Gewalt und Wohlergehen der Gottlosen, auch unrechtmässigem Leiden und Ubelgehen der Frommen zu trösten habe: In fünf Bücher verfasset, Dem Liebhaber der Teutschen Sprache zu Nutzen aus dem Latein übergesetzt; benebenst richtiger Beschreibung des Boëthii Lebenslaufes, Nürnberg: Gerhard Tauber 1660. https://kxp.k10plus.de/DB=1.75/LNG=EN/PPNSET?PPN=53594540X

[Franciscus Mercurius van Helmont ist der Übersetzer der Prosa-Teile; Christian Knorr von Rosenroth der Übersetzer der Gedichte…] Deß Fürtrefflichen Hochweisen Herrn Sever. Boetii weil. Burgermeisters zu Rom Christlich-Vernunfft-gemesser Trost und Unterricht/ in Widerwertigkeit und Bestürtzung über dem vermeintenWohl- oder Ubelstand der Bösen und Frommen / in Fünff Büchern/ Verteutscht/ undMit beygefügten kurtzen Anmerckungen über etliche dunckele Ort desselben: Samt eigentlicher Lebens-Beschreibung deß Seligen Boetii. Sulzbach: A. Lichtenthaler 1667.
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10243743?page=9

Dazu: Rosmarie Zeller, Literatur als Mittel zur Glückseligkeit. Die Sulzbacher Übersetzung von Boethius’ Trost der Philosophie und ihr Kontext, in: Literatur und praktische Vernunft, hg. Frieder von Ammon u.a., de Gruyter 2016, S.173–190.

Forschungen

Die Forschungsliteratur zur »Consolatio« ist unermesslich. Hingewiesen sei auf diese ausführlichen, beigezogenen Studien:

Helga Scheible, Die Gedichte der Consolatio Philosophiae des Boethius, Heidelberg 1972 (Bibliothek der Klassischen Altertumswissenschaften. Neue Folge. 1.Reihe, 46) [nur zu den Carmina]

Christine Hehle, Boethius in St.Gallen. [wie oben zitiert] mit konziser Zusammenfassung der Consolatio auf S. 22–32.

Joachim Gruber, Kommentar zu Boethius, De Consolatione Philosophiae, 1978; 2. erweiterte Auflage, Berlin: de Gruyter 2006.

Alain Galonnier / Jean-Louis Charlet, Boèce. La Consolation de Philosophie. Introcuction et traduction annotée du texte latin, Leuven: Peeters 2022 (Philosophes Médiéaux, tome LXXIV).

Rosalind C. Love, The Latin Commentaries on Boethius’s De consolatione philosophiae from the 9th to the 11th Centuries, in: A Companion to Boethius in the Middle Ages, edited by Noel Harold Kaylor, Jr., Philip Edward Phillips, Brill 2012, pp.75–133.Spezielles steht in den Anmerkung

Catarina Zimmermann-Homeyer, Illustrierte Frühdrucke lateinischer Klassiker um 1500. Innovative Illustrationskonzepte aus der Straßburger Offizin Johannes Grüningers und ihre Wirkung, Wiesbaden: Harrassowitz 2018 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Band 36).

Spezielles steht in den Anmerkungen ad hoc.

imagines verbis explicare vix queo (frei nach II, pr. 8) — Paul Michel (Nov. 2025) und  

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