![]() |
![]() |
Mise en abyme |
In dieselbe Bildebene praktizierter HintersinnIn der Literaturwissenschaft kennt man die ›mise en abyme‹, d.h. eine Binnenerzählung, welche die Haupthandlung (oder einen Teil davon) in einer anderen Textsorte (z.B. als Märchen) gleichnishaft spiegelt. (Der Terminus kommt evtl. aus der Heraldik, wo écusson en abîme / abyme das verkleinert wiederholte Wappen innerhalb des Wappens bezeichnet. Goethe an Carl Jacob Ludwig Iken, 27. September 1827:
Beispiele aus der Literatur:
Hartmann von Aue, »Erec und Enîte«
Zweites Beispiel : Philipp von Zesen (1619–1689), «Adriatische Rosemund» (1645). … ein häl-strahlendes windlücht, üm dässen flammen di mükken härüm flohen, derer etliche di flügel verbrandt hatten, und härab auf den boden filen. Oben stund diser Sünnen-spruch: Lust bringt verlust. Di mükke fleugt so lang’ üm dise gluht, bis si ihr selbst den bittern tohd antuht. Das ist eine Anspielung an bekannte Embleme – die Geschichte endet denn auch tragisch.
Im Zimmer auch ein Decken-Gemälde mit dem Motiv der beiden von Vulcan ertappten Venus und Mars; dies offensichtlich als Gegenbild zu der Treue der beiden Haupthelden:
Die Geschichte wird erzählt von Metamorphosen IV, 171–189 (nach Homer, Odyssee VIII, 266ff.); die Szene wurde x-mal visualisiert. Zesen lässt die lachenden Götter weg und erfindet die lächerlichen Gebärden Vulcans. Vgl. die Illustration von Virgil Solis (1514–1562):
Georg Büchner, «Woyzek» (1836/37); 14. Szene [H1]: Die Großmutter erzählt das (Anti-)Märchen vom Sterntaler, das die geistige Verfassung des Helden charakterisiert.
Carl Zuckmayer «Hauptmann von Köpenick» (1931); Voigt liest einem kranken Mädchen das Märchen der Bremer Stadtmusikanten (KHM 27) vor, wo ja ebenfalls mit einem Trick Schwache (die vier alten Tiere) einen Starken (den Räuber) überwältigen. Fünftes Beispiel: Vergil stellt in der Aeneis VII: Die beiden Krieg Führenden Turnus (783ff.) und Camilla (803ff.) dar. Turnus trägt nebst einem sinnträchtig verzierten Helm einen Schild:
Wenzel Hollar (1607–1677) illustriert das so:
Sechstes Beispiel: In der Unterwelt Im 10.Gesang des »Purgatorio« schildert Dante den Kreis, wo die Seelen der Hochmütigen büßen; als ›Gegen-Bilder‹ an der Wand sind Szenen von Demütigen dargestellt, u.a. der vor der Bundeslade tanzenden David (2.Samuel / 2.Reg. Kap. 6) Vers 28ff. sowie Trajans Akt der demütigen Rechtsprechung für eine arme Witwe.
Vgl. hierzu die Illustration von Gustave Doré:
Beispiele aus der bildenden KunstErwin Panofsky stellte fest, dass holländische Maler im 17. Jahrhundert oft zeichenhaft gemeinte Gegenstände derart natürlich in die Welt des Bildes hineingewoben haben, dass sie nicht als solche auffallen; er spricht vom »principle of disguising symbols under the cloak of real things«. (E.P., Early Netherlandish Painting, 1953; 2. Auflage, Cambridge / Mass. 1964, S. 140ff.) Erstes Beispiel: Praxis und Symbol für die dahinterstehende Theorie Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) akzeptiert 1703 die Fluttheorie von John Woodward und erklärt die fossilen Pflanzen und Tiere als verschüttete Lebewesen der Sintflut. — 1709 publiziert er eine Reihe von Bildern seiner Fossilien-Sammlung unter dem Titel »Herbarium Diluvianum«; das Titelblatt zeigt die Arche Noah in der Sintflut. — 1716 veröffentlicht er ein Buch u.d.T. »Museum Diluvianum« mit diesem Titelblatt (Radierung von Johann Melchior Füssli): Mehrere Sphären sind ins Bild integriert: (1) Die Landschaft wird charakterisiert durch einen hackender Bergarbeiter. (2) In modischer Kleidung mit Allonge-Perücke – eher in eine städtische Kunstkammer passend – ein Gelehrter, der mit einem Stock auf die ausgegrabenen Fossilienfunde zeigt. (3) Hinten oben auf dem Berg die gelandete Arche Noah, das Symbol für das Erklärungsmuster der Fossilien. Vgl. Urs B. Leu, Johann Jacob Scheuchzer. Pionier der Alpen und Klimaforschung, Zürich: Chronos 2022; S. 151ff.
Zweites Beispiel: Ein Emblem und eine biblische Szene augmentieren eine Personifikation
Drittes Beispiel: Eine Fabel und ihre Deutung (a) Deutung im Hintergrund Die Fabel vom schlauen Fuchs, der den Raben dazu überlistet, den Käse aus dem Schnabel fallen zu lassen (Vulpes et Corvus, Phaedrus I,13), ist im Vordergund gezeigt; im Hintergrund wird ein feiner Herr umschmeichelt und lässt Geld aus dem Beutel fallen:
(b) Fabel im Hintergrund Jean de la Fontaine (1621–1695) deutet die Fabel von Phaedrus (III,12): Bei ihm ist es ist nicht nur Le Coq et la Perle sondern auch ein (dummer) Mensch, der sich so benimmt. Grandville (1803–1847) visualisiert die beiden Szenen so, dass er die Tierfabel als Bild im Bild zeigt.
J.J. Grandville in einem Bild zu Jean-Pierre Claris de FLORIAN (1755–1794), Fables de Florian, Dubochet 1842.
Viertes Beispiel: Eine paradigmatische Situation und die Deutung als Bild einer Fabel im Hintergrund Ein unbekannter Graphiker zeigt (ca. 1800/05) den Epikuräer, der nicht weiss, welcher Lust er sich zuwenden soll: "par où commencerai-je?" – dies ist bereits eine ins Karikaturistsche umgesetzte Frage der Entscheidung von Alternativen.
Fünftes Beispiel: Üble Anspielungen als Bild im Bild angebracht William Hogarth (1697–1764) karikiert die von den Eltern zwangsweise arrangierte Ehe des Sohns eines verarmten Adligen mit einer reichen Bürgerstochter: »Marriage A-la-Mode« in sechs Bildern (1743/44).
Sechstes Beispiel: Eine bürgerliche Hochzeit mit einem üblen Einsprengsel David Herrliberger (1697–1777) stellt eine Hochzeitstafel vornehmer Bürger in Zürich dar: Nôces de Personnes de Condition
Siebentes Beispiel: Politische Karikatur mit nicht ganz dezent als Bild im Bild eingebrachter Deutung Der liberal denkende Geistliche Alois Fuchs (1794–1855), der sich 1832 gegen die Allmacht des Papsts, gegen den Zölibat der Priester, für die Verdeutschung der Messe ausgesprochen hatte, wurde vor eine bischöfliche Kommission zitiert, die ihn im Amt suspendierte. Die Karikatur von Martin Disteli (1802–1844) im »Republikaner-Kalender« 1834 zeigt den sich verteidigenden A.Fuchs im Gerichtszimmer.
Achtes Beispiel: Eine reaistische Szene im Hintergrund Wie sich Eheleute benehmen sollen:
|
||
PetrarcameisterBeim sog. Petrarcameister trifft man solche Darstellung sehr oft an. Petrarca (1304–1374) hat an »De Remediis utriusque fortunae« von 1354 bis 1367 gearbeitet. Der Begriff fortuna hat zwei Bedeutungen: ›Glück‹ / ›blindwütendes Geschick‹. Nach diesen beiden Aspekten gliedert Petrarca sein Werk: Francesco Petrarca, De remediis utriusque fortune – Heilmittel gegen Glück und Unglück. Übersetzt von Ursula Blank-Sangmeister, herausgegeben und kommentiert von Bernhard Huß, Stuttgart: Hiersemann Verlag 2021/2022 (Mittellateinische Bibliothek 8 / 1 und 2). Vgl. die dt. Übersetzungen und Erläuterungen > https://www.petrarca.pushpak.de Vgl. den Aufsatz von Rebekka Stutz (insbes. zu I, 69: Von angenemer lieb vnd buolschafften) Druck der ersten deutschen Übersetzung mit Illustrationen 1532: Franciscus Petrarcha. Von der Artzney bayder Glück/ des guoten vnd widerwertigen. Vnnd weß sich ain yeder inn Gelück vnd vnglück halten sol. Auß dem Lateinischen in das Teütsch gezogen. Mit künstlichen fyguren durchauß/ gantz lustig vnd schön gezyeret. Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner. M. D. XXXII. Erstes Beispiel: I,108: Von der seligkait
Zweites Beispiel: II,42: Von der styeffmuotter
Drittes Beispiel: I,77: Von verheyrattung der kinder
Viertes Beispiel I,72: DE NATORUM FORMA — Von Adenlicher gestalt der Kinder In diesem Kapitel freut sich Gaudium: Forma filiorum magna est ≈ die Schöheit meiner Kinder ist groß. – Ratio warnt: Die Schönheit weckt die Begierde, und gefährdet so die Sittsamkeit: Forma multos tentavit ac tentandos prebuit, quosdam stravit, vel in crimen impulit vel in mortem. Das belegt sie mit elf Exempla aus der antiken Literatur. Vier davon hat der Meister umgesetzt:
Fünftes Beispiel: Kapitel I,40. Petrarca kritisiert die Freude über köstliche Gemälde. Der Illustrator kommt nicht umhin, eine prächtige Malerwerkstatt darzustellen, wo ein würdiger Herr portraitiert wird, eine Statue bemalt wird und Besucher ein fast vollständiges Gemälde betrachten, das Trauben an einem Weinstock darstellt: Ein winziges Detail bringt die Kritik ins Bild: Ein Vogel fliegt auf dieses Bild zu und versucht, Trauben zu naschen. Das bezieht sich auf eine Stelle bei Plinius, naturalis historia XXXV, xxxvi, 65:
Maria Gräfin Lanckoro?ska (Selbstbildnisse des Petrarkameisters, in: Stultifera Navis 10 (1953), S. 31–35) hielt das Gesicht des porträtierenden Malers für ein Selbst-Porträt des Meisters. Das wäre dann noch eine weitere integrierte Ebene:
|
||
Gabriel RollenhagenGabriel Rollenhagen (1583–1619?) kombiniert in seinem Emblembuch öfters das allegorisch gemeinte Ding im Vordergrund mit einem Exemplum im Hintergrund. Erstes Beispiel Hier (II,31) ist das Symbol eine brennende Kerze, Sinnbild der Selbstaufopferung, mit dem Motto ALIIS INSERVIENDO CONSUMOR (Im Dienst an anderen verzehre ich mich). Das Epigramm dazu sagt: So opfert sich der Fürst, während/indem er die Untertanen am Leben erhält.
Im Hintergrund vor der Vedute Roms Marcus Curtius, der auf dem Pferd in eine Kluft auf dem Forum reitet, von der das Orakel geweissagt hatte, sie schließe sich erst nach dem Opfer der ›größten Macht‹ Roms, und der sich so für das römische Volk opfert.
Zweites Beispiel Das Hauptbild hier (II,10): ein Bauer mit der Egge.
Dietmar Peil, Emblemtypen in Rollenhagens Nucleus Emblematum, in: D.Peil, Ausgewählte Beiträge zur Emblematik, Hamburg: Kovac 2014, (Schriften zur Kunstgeschichte, Band 45), S.1–23. |
||
Conrad Meyer (1618–1689)Erste Beispiele: Conrad Meyer hat ein emblematisches Buch von Jacob Cats [1577–1660] 1657 neu illustriert und erweitert.
••• Bild 17: Ein Knabe hat sich vor ein Spielfuhrwerk spannen lassen und wird von einem Mädchen mit einer Rute angetrieben.
••• In der Zugabe [über Cats hinausgehend] Nummer III: Zikkenspiel
Zweites Beispiel: Hintersinn in Bildern an der Wand Nutzliche Zeitbetrachtung / fürgebildet Durch Conrad Meÿern, Maalern in Zürich, [erschlossen 1675]; Zehen Jahr
Drittes Beispiel: (nochmals) Hintersinn in Bildern an der Wand Sterbensspiegel/ das ist sonnenklare Vorstellung menschlicher Nichtigkeit durch alle Ständ' und Geschlechter: vermitlest 60. dienstlicher Kupferblätteren/ lehrreicher Uberschrifften/ und beweglicher zu vier stimmen außgesetzter Todtengesängen. Vor disem angefangen durch Ruodolffen Meyern S. von Zürich etc. jetz aber […] zu End gebracht und verlegt durch Conrad Meyern, Maalern in Zürich und daselbsten bey ihme zufinden Getrukt zu Zürich/ Bey Johann Jacob Bodmer 1650.
Viertes Beispiel: Gefangene besuchen Hier ist die zweite Sinn-Ebene nicht markiert durch einen Bilderrahmen, sondern in die Realität des Hauptbilds eingefügt:
Fünftes Beispiel: Das Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek Zürich 1675 ist der Schlacht bei Laupen gewidmet. Historischer Hintergrund: Die Burg Laupen wurde von einem 12’000 Mann starken kaisertreuen Heer belagert, die Besatzung hielt stand bis ein Entsatz-Heer (bestehend aus Bernern, Innerschweizern und anderen) eintraf. [Die Schlacht bei Laupen fand 1339 statt, nicht wie auf dem Blatt fälschlich angegeben 1334.]
Sechstes Beispiel: Das Neujahrsblatt der Bürgerbibliothek Zürich 1654 zeigt Lot mit seinen Töchtern auf der Flucht aus dem brennenden Sodom, wobei (Szene rechts im Hintegrund) die Frau sich zurückwendet und zur Salzsäule erstarrt.
Siebentes Beispiel: Das Bild in Fünff und zwenzig bedenkliche Figuren mit erbaulichen Erinnerungen von 1673 ist offensichtlich von Rollenhagen / de Passe (Nucleus Emblematum, 1611, Emblem Nr. 40; siehe oben) inspiriert.
Literaturhinweise zu Conrad Meyer: Martina Sulmoni, ›Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend verehrt‹. Die Bild-Text-Kombinationen in den Neujahrsblättern der Burgerbibliothek Zürich von 1645 bis 1672, Bern: Lang 2007 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 46). Aufsatz von P.Michel, Das Bild im Bild als kommunikatives Verfahren bei Conrad Meyer, in: Mühlsteinkragen und Totentanz. Der barocke Grafiker und Maler Conrad Meyer (1618–1689) aus Zürich, hg. von Matthias Oberli (u.a.), Basel: Schwabe-Verlag 2025. S. 205–221. |
||
Romeyn de Hooghe (1645–1708)Er hat dieses Buch mit 41 Kupfertafeln illustriert (Erstausgabe 1673?): David Chertablon de la Vigne [ca. 1614–1684], La manière de se bien préparer à la mort. Antwerpen: George Gallet, 1700. Bei allen Szenen von Sterbenden erscheint im Hintergrund ein Bild mit einem Ereignis aus der Vita Jesu. Meistens zeigt ein Engel am Totenbett darauf. Erbauliche Texte erläutern die Tafeln. Ein Beispiel:
Abraham a Sacta Clara (1644–1709) hat das Buch 1702 übersetzt [danke!] — in der zweiten Auflage wurden dann die Bilder in Kopie beigefügt:
|
||
Gottfried Eichler (1715–1770)In einer späten Überarbeitung der »Iconologia« von Cesare Ripa (1603) werden die Attribute der Personifikationen im Gegensatz zu Ripa nicht erklärt, sondern es wird … jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget. Den Personifikationen sind biblische, heidnisch-antike und profane Szenen beigegeben, die denselben Begriff als Exemplum wiedergeben. In dem von Gottfried Eichler d. J.; Entwerfer der Zeichnungen) u.a. gestalteten Buch ist zu jedem der 200 Begriffe eine Geschichte hinzugefügt. Vgl. die Legenden in: Ilse Wirth (Hg.), Des berühmten italiänischen Ritters Caesaris Ripae allerley Künsten und Wissenschafften dienliche Sinnbilder und Gedancken, verlegt bei Johann Georg Hertel in Augsburg. München: Wilhelm Fink Verlag 1970.
Erstes Beispiel: Personifikation der Keuschheit und ein Beispiel dafür
Zweites Beispiel: Das Laster
Drittes Beispiel: FUROR
Viertes Beispiel: AUXILIUM
Fünftes Beispiel: Der Neid (INVIDIA) — im Hintergrund ein Exemplum > http://www.symbolforschung.ch/Lasterallegorien.html#invidia2 |
||