Visualisierung von Wissen

     
 

Paul Michel / Johannes Depnering / Marc Winter / Rebekka Stutz:

Visualisierung von Wissen

Das Projekt wurde und wird mit namhaften Beträgen unterstützt von der Cogito Foundation, von der Georg und Bertha Schwyzer-Winiker-Stiftung, von der UBS Kulturstiftung, von der Genossenschaft zum Baugarten.

Inhaltsübersicht

Fragestellung / Vorgehen / Material-Corpus / Grundsätze

Aus der Werkstatt von VisWis

Link-Liste zum Thema »Graph Visualization«

Projekte, die sich mit diesem Thema befassen

Hinweise auf Publikationen (anderer Forscherinnen und Forscher) zum Thema

Sagt ein Bild wirklich mehr als 1000 Worte? ein kleiner Test.

Kontaktadresse

enzyklopaedie - apetail - hotmail - dot - com .

aktuell: Arbeitstagung zum Thema am 20. September 2014 »... wie Figura zeigt.« [www.symbolforschung.ch]

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Fragestellung: Wie funktioniert Wissensvermittlung durch Bilder / Graphiken?

Dass wir alltäglich einer nur teilweise durchschauten Flut von Bildern ausgesetzt sind, ist eine Binsenwahrheit. Seltsamerweise hört man bildungsbeflissene Kulturkritiker nur über die »Dominanz des Visuellen« klagen, ohne dass jeweils klar gemacht würde, wo denn genau das Kommunikations-Problem liege oder worin allenfalls das Schädliche der Bilder bestehe.

Die akademische Welt stellt bisher noch kaum griffige Werkzeuge zur Deutung und Kritik bereit. Am ehesten beschäftigen sich mit dem Problem: die Medienpädagogik sowie Fachhochschulen im Fach Infografik, die »Visual culture studies« im angelsächsischen Raum.

Es geht in diesem Projekt nicht um Bilder als Ausdruck eines Gefühls; nicht um Bilder, die die Dinge der Welt neu sehen lassen; auch nicht um appellative Bilder (z.B. solche in der Werbung oder politischen Propaganda) – sondern um Bilder im Dienst der Wissensvermittlung.

Die Fragestellung lässt sich so präzisieren: Wie wird Wissen in Form von (einen Text begleitenden oder Text ersetzenden) Bildern, Schemazeichnungen, Diagrammen, Info-Grafiken vermittelt?

• Wie erfüllen die Illustratoren den Auftrag, ein bestimmtes als Text vorliegendes Wissens-Element graphisch zu realisieren?

• Wie ›decodiert‹ der in einer Enzyklopädie Nachschlagende, ein Internet-Benutzer, ein Zeitungsleser usw. solche Bilder, um das damit visualisierte Wissen zu erkennen?

Es handelt sich mithin um ein klassisches geisteswissenschaftliches Projekt, das im Dienste der Aufklärung und der Stärkung des sog. ›Mediennutzers‹ steht.

Vorgehen

Produktion wie Rezeption wissensvermittelnder Bilder lässt sich klären mittels eines hinlänglich auflösenden, systematischen, womöglich kultur­übergreifenden Kategorienrasters. Es braucht gleichsam eine »Grammatik der Bildsprache«.

Dieses Raster – dessen Entwicklung ist das eigentlich Innovative am Projekt – wird in drei Dimensionen ausgespannt:

(O) Logischer Status des Objekts, das visualisiert wird. Unter Objekt werden nicht nur einzelne ›Dinge‹ in der Welt verstanden, sondern auch Ungegenständliches, Prozesse, Aussagen, mathematische Funktionen, statistische Daten u.a.m.

(F) Funktion des Bildes. Es ist zu simpel zu sagen, Bilder dienten der ›Veranschaulichung‹. Auch die übergreifende Funktion ›Attraktivitätssteigerung‹ greift zu kurz. Zur Abklärung der Funktion dient die Frage: Was weiss der Benutzer der Enzyklopädie mehr, wenn er eine Visualisierung des Objekts hat? Es lassen sich grob informationstragende / informationsstützende / dekorative Funktionen unterscheiden.

(T) Techniken der Visualisierung. Gemeint sind nicht ›bildgebende Verfahren‹ wie das Röntgen, der Seismograph oder das MRI. Sondern es geht um die didaktische Kreativität von Graphikern, die einen unanschaulichen, oft abstakten, komplexen Sachverhalt (O) ins Bild bringen. Es gilt, Transformationsregeln zu eruieren, die Wissenselemente vom Medium der Sprache ins Medium Bild umwandeln.

Ferner ist (historisch und kulturspezifisch) jeweils zu fragen: Welches Hintergrundwissen bringen die Bildbenutzer mit bzw. welches setzen die Bildproduzenten voraus?

Jedes Bild muss im Koordinatennetz (O)-(F)-(T) beschrieben werden können. Um Trennschärfe zu bekommen, muss eine hinlänglich grosse Zahl (je etwa ein Dutzend) von einzelnen Objekttypen, Funktionen, Techniken unterschieden werden.

Material-Corpus

Im luftleeren Raum über ›das Wesen des Bildes‹ meditieren führt kaum zu Einsichten. Erst anhand konkreter Text-Bild-Komplexe lässt sich ein solches Raster erarbeiten. Dazu muss man in die Fülle der Phänomene eintauchen und Fallbeispiele aus der Geschichte und auch aus fremden Kulturen beiziehen.

Den Löwenanteil des Materials liefern Illustrationen in Enzyklopädien. Hier sind wir im Zentrum der Wissensvermittlung, ausserdem sind die Bilder von einem Text umgeben, den sie erhellen bzw. der sie erhellt, was ihre Deutung ermöglicht. Einzelne Bildtypen finden sich auch in spezielleren insbesondere populärwissenschaftlichen Lehrbüchern, Gebrauchsanleitungen, Ratgebern, ja sogar in der Erbauungsliteratur.

Grundsätze

Stichwortartig: Materialbasiertes Arbeiten auf der Grundlage der europäischen Geschichte (von Gutenberg bis zur Gegenwart) und ausser-europäischer Beispiele (China); logisch-analytische Betrachtungsweise; gut verständliche, jargonfreie Wissenschaftssprache; Bestreben, über punktuelle Studien hinaus zu einem umfassenden Modell zu gelangen; Aufdeckung des Unterschieds zwischen wirklich erhellenden Visualisierungen, nichtssagender Garnitur und ideologisch instrumentalisierten Bildern.

Stand des Projekts

Die (nicht öffentlich zugängliche) Datenbank mit dezidiert ausgewählten (und teilweise bereits interpretierten) Bildern-im-Kontext umfasst derzeit ca. 250 Einträge, wobei pro Eintrag in der Regel mehrere Untertypen aufgenommen sind. Dieses Material harrt zu zwei Dritteln noch der Interpretation. (Stand Anfang 2013)

Das Kategorienraster ist weitgehend erstellt; allfällige Ergänzungen und Korrekturen dürften sich indessen bei der Interpretation des Bildmaterials ergeben.

Insofern als Visualisierungen einerseits in ganz verschiedenen Sach-Gebieten vorkommen, ist ein interdisziplinäres Arbeiten notwendig. Wir brauchen dringend Hilfe von Biologen, Geographen, Technikern.

Wer profitiert davon?

Wir möchten nicht ein Buch schreiben, das in Bibliotheksmagazinen verdämmert. Wenn die Phase der wissenschaftlichen Analyse abgeschlossen ist, ist geplant, ein Lehrmittel für Gymnasiasten, Schüler an Berufsschulen und BA-Studierende zu publizieren. – Vor aller Didaktisierung muss aber die Sache geklärt sein.

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Aus der Werkstatt von VisWis

Visualizing Knowledge (englische Projektbeschreibung)

Visualisierung von prudenzialem Wissen. Die Holzschnitte des Petrarkameisters in »Von der Artzney bayder Glück« (1532) Cogito foundation; R-125/09 [www]

Figuren-Typen in Visualisierungen

Bäume des Wissens

Visualisierungen mittels Tabellen (demnächst zu überarbeitende Version vom April 2013)

Visualisierung von Topographien (erste Version Mai 2014)

Das Werk von Otto Neurath (1882–1945) (Juli 2014)

Emblematik [www.symbolforschung.ch] – seltsame Bild-Text-Verbünde im 16. und 17. Jahrhundert (neu seit Januar 2014)

›Presse‹-Bilder [www – Wiki der UZH] in E. G. Happel, »Gröste Denckwürdigkeiten der Welt« (Hamburg 1683–1691)

Frontispizien von Enzyklopädien

Kolloquium [www: Schwz Ges f Symbolforschung] zum Thema am 20. September 2014

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Link-Liste zum Thema »Graph Visualization«

Eine Orientierung bietet Thinkmap [www].

Wim Neeleman en Heleen Verhage, Historische hoogtepunten van grafische verwerking

Milestones in the History of Thematic Cartography [www] Milestones in the History of Thematic Cartography, Statistical Graphics, and Data Visualization. An illustrated chronology of innovations by Michael Friendly and Daniel J. Denis, vgl. auch diese Site [www].

Nach verschiedenen Kriterien aufgeschlüsselt ist die Homepage von Many Eyes [www] Hier wird auch beschrieben, für welche Objektmengen welche Art von Graphik (z.B. Scatterplot, Tag Cloud, Bubble Chart) empfehlenswert ist.

Immer für Überraschungen sorgt die Homepage von Chris Mullen: The Visual Telling of Stories. A Lyrical Encyclopedia of Visual Propositions A Lyrical Encyclopedia of Visual Propositions [www]

Auf der Site von Ralph Lengler & Martin J. Eppler, A Periodic Table of Visualization Methods [www] werden verschiedene Techniken der Visualisierung systematisch aufgelistet und mit je einem Beispiel versehen; leider nicht weiterführend.

Umfangreiche Sammlungen von modernen Graphen (die meisten EDV-generiert) mit guten Kurzbeschreibungen und Links zu den Quellen bieten: visualcomplexity [www] oder dataviz [www].

Eine riesige Sammlung von Infografiken hat Michael Stoll von der Hochschule Augsburg auf Flickr [www] zusammengestellt; bibliographisch gut dokumentiert, aber leider kaum kommentiert. Vtl. seine Bibliographie [www Hochschule Augsburg]

Vierdimensionale animierte Tabellen von Hans Rosling bei Gapminder [www]

Database of Illustrators 1450-1950 [www] Database of Illustrators 1450-1950 (Department for History of Science and Technology of Stuttgart University)

The world’s marketplace for visual content [www] (Hier kann man auch einen Newsletter abonnieren.)

David McCandless information is beautiful [www]

<Alle Links zuletzt kontrolliert am 15.3.13>

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Projekte, die sich mit diesem Thema befassen

Humbolt Universität zu Berlin > Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik > »Das Technische Bild > Bildwelten [www] des Wissens

Nationaler Forschungs-Schwerpunkt »Bildkritik. Macht und Bedeutung der Bilder« (Universität Basel). Wie erzeugen Bilder Sinn – in der Wissenschaft, im Alltag, in der Kunst? eikones [www]

Institut für Bildwissenschaft an der Universität Rostock ifi [www]

Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildkulturen

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Hinweise auf Publikationen

Walter Herdeg, Diagrams. The graphic visualisation of abstract and data. Die graphische Visualisierung abstrakter Gegebenheiten. La visualisation graphique de données abstraites. Zürich: Graphis Press 1974; 4., erweiterte Auflage 1981.

Christian Doelker, Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der Multimedia-Gesellschaft, Stuttgart: Cotta 1997. >>> Dieser Longseller ist jetzt als e-Book erhältlich. Link zum Verlag Klett-Cotta [www]

Martin Liebig, Die Infografik, Konstanz: UVK-Medien, 1999 (Reihe praktischer Journalismus 39).

Edward Rolf Tufte, The Visual Display of Quantitative Information, 2nd edition, Fifth Printing, Graphics Press 2007.

Uta von Debschitz / Thilo von Debschitz, Fritz Kahn, Man Machine / Maschine Mensch, Wien / New York: Springer 2009.

Jörg Jochen Berns, Die Jagd auf die Nymphe Echo. Zur Technisierung der Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, Bremen: Ed. Lumière 2011.

Gerhard Henschel, Die wirrsten Grafiken der Welt, Hamburg: Hoffmann & Campe 2003.

Otto Neurath, From Hieroglyphics to Isotype: A Visual Autobiography, edited by Matthew Eve / Christopher Burke, London: Hyphen Press 2010.

Daniel Rosenberg / Anthony Grafton, Cartographies of Time [Link zu: bibliodyssey.blogspot]: A History of the Timeline, Princeton Architectural Press 2010.

Robert Klanten [et al.], Data flow 2. Informationsgrafik und Datenvisualisierung / Visualising Information in Graphic Design, Berlin: Gestalten 2010.

Sandra Rendgen / Julius Wiedemann, Information Graphics, Köln: Taschen Verlag 2012. [480 Seiten Großfolio] Vorschau des Verlags [www]

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Sagt ein Bild wirklich mehr als 1000 Worte?

Zur Herkunft des Klischees vgl. den Eintrag in der engl. Wikipedia [www]

Es heisst auch »Seeing is understanding. Complex ideas can be communicated via graphics.«

Der Satz stimmt nur mit Einschränkungen.

Test: Was ist auf diesem Bild dargestellt?

Zuerst selber eine Vermutung formulieren, dann:

Lösung in neuem Fenster [pop-up]

Update 24.5.14 PM

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