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Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen;
und es gibt Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen.
(Im zweiten Fall nützen die Enzyklopädien nichts.)
Wir unterscheiden grundsätzlich drei ineinander greifende Schritte bei einem ›Zugriff‹
auf einen Wissensspeicher (synonym: Konsultationsvorgang - Wissenstransfer-
information retrieval):
(i) Die Voraussetzung dafür
dass eine Enzyklopädie konsultiert wird – wenn man nicht
aus Vergnügen darin schmökert – ist eine Frage,
eine Informations- oder Wissenslücke des Benutzers.
(ii) Die gesuchte
Information kann nur in Teilen transferiert (gesucht / dargeboten)
werden, das ganze Wissen einer Gesellschaft muss zwecks Transfer irgendwie
in Elemente geteilt und mit einer Adresse – bzw. (synonym) einem
Schlagwort bzw. einem Lemma – versehen werden.
(iii) Das
Dokument – bzw. (synonym) der Artikel –
, worin das Wissen (im Medium von Bild oder Text oder Gegenstand oder
Film usw.) dargeboten bzw. die Frage beantwortet wird; dieses muss
vom Benutzer aufgrund weiterer Kenntnisse verstanden und mit seinen
bisherigen Kenntnissen vernetzt werden.
Diese kognitionspsychologischen Grundlagen einer Enzyklopädie
werden im folgenden präzisiert und es werden die Bedingungen und
Konsequenzen aufgezeigt.
(Erste Fassung von P. Michel, Okt 2003; überarbeitet)
2025: Artifizielle "Intelligenz" breitet sich epidemisch aus. Die maschinelle Konstruktion von "Wirklichkeit" (?)
KI macht (derzeit jedenfalls) keine Quellenangaben, sondern bastelt geklaute Textstücke zusammen.
Auch in Enzyklopädien wird seit der Antike meist nicht gesagt, woher die Information kommt. In den "Konversationslexika" des 19.Jhs. nicht einmal angegeben, wer den Artikel verfasst hat.
Quellen gibt man an nicht nur aus Respekt vor dem Zitierten oder wegen des ©opyright, sondern weil dabei die Verlässlichkeit zum Vorschein kommt.
Jeder Begriff / jede These / jede Denkform ist ein Konstrukt und basiert auf Vorwissen. Wer Wissen transparent abrufen oder generieren will, muss sagen, worauf er sich stützt. Wissenschaft basiert auf überprüfbarem Erkenntnisgewinn. Das Wort "Methode" kommt von griech. meta + hodos ≈ einem Weg nachgehen.
- Erasmus von Rotterdam: "sed in primis ad fontes properandum ≈ vor allem muss man zu den Quellen gehen." in: De ratione studii ac legendi interpretandique auctores, Paris 1511
- "Wissenschaft bedeutet unter anderem, zu wissen, warum man weiss." Hans Kummer [1930–2013], Weiße Affen am Roten Meer, München/Zürich: Verlag Piper, 1992, S.39.
Erkenntnisgewinn beruht auf Vorwissen (lückenhaftem VW von mir selbst und gepeichertem VW von anderen), und es ist sinnvoll (und redlich) dies anzugeben.
Grosse Nach-Forscher und Entdecker von Fehlinformationen sind Thomas Browne: Pseudodoxia Epidemica or, Enquiries into very many Received Tenents. And commonly presumed Truths, London 1646. und Pierre Bayle: Dictionaire historique et critique 1697.
Eine lange das Denken beeinflussender Text, der eine Passivität des Erkenntnisvorgangs annimmt, stammt von Aristoteles (de anima III,14 ≈ 429b): Die Sinne sind gleichsam eine tabula rasa, in die sich die äusseren Eindrücke einprägen.
Die Wachstafel-Allegorie wurde immer wieder kritisiert. Zu (über längere Zeiten hinweg sich stabil erhaltenden) Denkformen, zum Primat von gedanklichen Konzepten, sedimentierten Wissensmustern usw. ist schon viel nachgedacht und geforscht worden. Einige Hinweise:
- Francis Bacon (1561–1626), die vier Arten von Idolen in »Novum Organum I, Aphorismen 39ff. (1602)
- Immanuel Kant, KdrV (1781): apriorische Voraussetzungen der Erkenntnis; ›kopernikaniksche Wende‹
- Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (1873), u.a.
- Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob (1911)
- Ludwig Wittgenstein, Tractatus, 5.6 (1922): Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
- Hans Leisegang, Denkformen (1928)
- Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932)
- Karl Popper, Logik der Forschung (1934) > Falsifikationismus
- Hans Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960) > Begriff des Vor-Urteils (S.254ff:)
- Thomas S.Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions (1962) > Begriff des Paradigmas
- Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. engl. 1966, dt. 1970.
- Jürgen Habermas, Erkenntnisinteresse (1968)
- Hayden V. White, Metahistory (1973) und andere Publikationen
- Peter Haffner, Die fixe Idee; 13 Versuche, die Welt zu erklären (1999)
- Nicola Gess, Halbwahrheiten (2021)
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(i): »Es gibt keinen anderen Anfang der
Philosophie als das Erstaunen«
(Platon, Theaitetos 155d)
Nichtwissen und nach Information verlangen ist ein Zustand, der sich
beim Durchschnittsmenschen und im Alltag gar nicht mal so häufig
einstellt. Wir sind, solange wir in pragmatische Prozesse eingebunden
sind, entweder durch Gewohnheit oder durch gezielte Schulung so konditioniert,
dass uns kaum etwas Fragwürdiges entgegensteht. (Wer beim Autofahren
immer wieder nachfragen müsste, ob man nun einem bestimmten Verkahrsteilnehmer
den Vortritt einräumen müsse und war jenes Schild genau bedeute,
käme nicht weit oder würde einen Unfall bauen.)
Selbstverständlichkeiten haben eine Entlastungsfunktion. Wir sind
derart an unsere Lebenswelt angepasst, dass wir auch mit einem gewissen
Prozentsatz an Unverstandenem recht gut über die Runden kommen.
Ja wir weigern uns sogar, Lücken zuzugeben, verschließen
die Augen, sind ›neophob‹. Selbstverständlichkeiten
verhindern anderseits aber auch Wissenszuwachs und Innovationen.
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»Weil sie sich nämlich wunderten, haben die Menschen zuerst
wie jetzt zu philosophieren begonnen; sie wunderten sich anfangs über
das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat.«
(Aristoteles, Metaphysik A2, 982).
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Wodurch wird das Selbstverständliche irritiert? Kants Frage »Was
können wir wissen?« müsste die Frage vorausgehen ›Wie
können wir merken, dass wir nichtwissen?‹) Wie kommt ein
verfremdender Blick zustande? Es gibt triviale Fälle von solchen
Anstößen, interessante Fälle und künstlich provozierte
Situationen:
* es taucht ein fremdes
Wort in einem Text auf: »In der Festungsmauer war ein Ravelin
beschädigt.«
* eine Handlung kann nicht durchgeführt werden,
weil entsprechendes Wissen fehlt (Wie lautet die Telefonnummer von
Madeleine? Wie bereitet man ›Blancmanger‹ zu? Wo schalte
ich den Videorecorder auf Standby?)
* jemand Fremder fragt uns etwas – diese
dialogische Situation wird künstlich erzeugt durch Quiz-Sendungen
à la »Wer wird Millionär?«
* insistierendes Fragen eines Lehrers zwingt uns,
eine Wissenslücke zuzugeben und – gegebenenfalls als Hausaufgabe
– auszufüllen
* paradoxe Formulierungen eines Texts, die in
eine Aporie führen, provozieren uns zum Nachfragen
* Neugierde, Fähigkeit sich zu wundern.
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»Allenthalben treffen wir auf etwas, das zu selbstverständlich
ist, als dass wir uns bemühen müssten, es zu verstehen. Was
sie miteinander erleben, scheint den Menschen das gegebene menschliche
Erleben. Das Kind, lebend in der Welt der Greise, lernt, wie es dort
zugeht. Wie die Dinge eben laufen, so werden sie ihm geläufig.
[...] Damit all dies viele Gegebene ihm als ebensoviel Zweifelhaftes
erscheinen könnte, müsste er jenen fremden Blick entwickeln,
mit dem der große Galilei einen ins Pendeln gekommenen Kronleuchter
betrachtete. Den verwunderten diese Schwingungen, als hätte er
sie so nicht erwartet und verstünde es nicht von ihnen, wodurch
er dann auf die Gesetzmäßigkeiten kam. Diesen Blick, so schwierig
wie produktiv, muss das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen
Zusammenlebens provozieren. Es muss sein Publikum wundern machen, und
dies geschieht vermittels einer Technik der Verfremdungen des Vertrauten.«
(Bert Brecht, Kleines Organon für das Theater, Abschnitt 44)
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Die besondere Art der Kenntnislücke korrespondiert natürlich
mit derjenigen des Artikels, der das Wissen dann enthält, vgl.
(iii)
- die Lücke besteht aus einem Namen oder
Wort oder einer Zahl: Nenne ein Synonym für ›Frühling‹!
Wer hat die Jupiter-Sinfonie komponiert? Wann wurde der Westfälische
Friede geschlossen?
- die Lücke besteht darin, dass die Einordnung
oder Spezifik eines Wissenselements nicht gewusst wird: Ist Rodeln
eine olympische Disziplin? Ist der Tintenschöpfling genießbar?
- die Lücke muss mit einer Geschichte gefüllt
werden: Wer war Girolamo Cardano? Worin besteht die vielfältige
kulturelle Überschichtung auf der Insel Malta?
- die Lücke besteht in der Unkenntnis eines
Arbeitsprozesses: Wie zieht man eine Quadratwurzel aus?
- die Lücke besteht darin, dass man nicht
weiss, was erlaubt und verboten ist: Was bedeutet ›fasten‹
im Rahmen der katholischen Kirche?
- die Lücke besteht in sogenanntem Hintergrundwissen.
beim Stichwort ›Fall der Berliner Mauer‹ können verschiedene
Horizonte von Belang sein: die Wiedervereinigungsdebatte, die Perestroika-Politik,
...
Es gibt wohl weitere Typen, die aber bald ins Fachwissenschaftliche führen.
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(ii): »Kann man suchen, was man nicht kennt?«
(Platon, Menon 80d)
(a) Das Lemma ist in systematischen Enzyklopädien
ein Ort am Ende eines Verzweigungsbaums und in alphabetischen Enzyklopädien
ein Wort. Im ersten Fall ist das Lemma relativ sprachunabhängig,
es kann sich auch um eine ganze Proposition (so z.B. bei einer Sentenzssammlung:
›Böses wird mit Bösem vergolten.‹) handeln;
im zweiten Fall ist das Lemma abhängig von der Semantik der Sprache
der Enzyklopädie und ihrer Benutzer.
(b) Der ›Zugriff‹ durch die Vorgabe
von Lemmata ist je nach Objekt verschieden stark (und gravierend).
Objektbreiche, die ›an sich‹ gut strukturiert sind (z.B.
Tiere, chemische Stoffe) machen wenig Probleme – Objekte, die
starken Konstruktcharakter haben, sind heikel. Beispiele: ›Möbel‹,
›Spiel‹ ...
(c) Das Lemma präsupponiert eine Anfrage
des Benutzers, es sagt gleichsam ›Darüber möchtest
du doch gerne Bescheid wissen, gelt?‹ Die Enzyklopädie
rechnet also damit, dass nur ein Teil des Wissens dem Benutzer unbekannt
ist oder dass er es wieder vergessen hat – dass er aber mindestens
einen ›Zipfel‹ davon weiss, es wenigstens an einem Stichwort
packen kann oder den ungefähren Ort im System kennt. Die Suche
funktioniert nur dort sicher, wo das System der Enzyklopädie
mit demjenigen im Kopf der Benutzer übereinstimmt. Wer eine Enzyklopädie
absucht – sei dies mit einem systematischen oder einem alphabetischen
Browser –, muss schon eine Vor-Information über das Gesuchte
haben.
(d) Jedes Adressierungsmittel favorisiert gewisse
Wissenselemente und blendet zwangsläufig andere aus. Jede Gemeinschaft
von Enzyklopädie-Redaktoren und Benutzern hat ihre blinden Flecken.
Diese werden erst sichtbar durch interkulturellen Verlgeich oder Blick
in historisch abliegende Epochen. Enzyklopädien evozieren mit
ihrem Totalitätsanspruch, es gebe in der Welt nichts, was sich
nicht unter den Lemmata verhackstückt zwischen ihren Buchdeckeln
finde.
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Wenig Mühe bereitet eine Abfrage wie z.B. ›Wann
hat Cézanne gelebt?‹ in einer Enzyklopädie der Kunstgeschichte.
Wenn der dem Benutzer bekannte ›Wissenszipfel‹
aber nur eine vag umrissene Vorstellung ist, wird es schwieriger:
›Wie hieß der Maler, der horizontale und vertikale Balken
über die Bildfläche legt und die Zwischenräume farbig
ausmalt?‹
[Diese Frage im Januar 26 bei Google eingegeben führt zu Mark Rothko... na ja.]
Oder: ›Wie hieß der Mann, der den Artemistempel
in Ephesos anzündete, damit sein Name der Nachwelt in Erinnerung
bleibe?‹ Mit herkömmlichen Enzyklopädien schwierig; erst die Volltextsuche in elektronischen Datenbanken
erlaubt es, Herostratos zu finden.) |
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| Wie könnte eine Enzyklopädie das Bewusstsein dafür wachhalten,
dass sie unvollständig ist? Im Medium des Buches gibt es die Technik,
Blätter unbeschrieben zu lassen. |
| So enthält die Schedelsche Weltchronik
(1493) nach der Beschreibung der Gegenwarts-Geschehnisse und vor derjenigen
des Jüngsten Gerichts auf fol. CCLVIII verso den Satz: »zu
beschreibung mer geschihten oder künftiger ding sinn hernach ettliche
pletter lere gelassen« – und dann folgen einige leere
Blätter. |
| Johann Jacob Scheuchzer ließ
in seinem Katalog der Zürcher »Kunstkammer« (Museum
Civicum Tigurinum ZBZ, Archiv 24) bei denjenigen Dingen, deren Vorhandensein
er vermutete, die er aber nicht im Museum vorfand, ein halbes Blatt
leer. |
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(iii): »Jedes vernünftige Lehren und Lernen
geht aus von einem vorher vorhandenen Wissen«
(Aristoteles, Anal. post. I,1 71a)
Im Artikel gibt die
Enzyklopädie gleichsam die Antwort auf die präsupponierte
Frage des Benutzers. Die Lektüre (darunter wollen wir auch das
Betrachten von Gegenständen in einem Museum oder Bildern verstehen)
unterliegt denselben hermeneutischen Bedingungen, die für alle
Texte gelten; dazu kommen einige Spezialitäten.
Grundsätzlich gilt: Um einen Wissensspeicher zu erschließen,
ist bereits Wissen nötig. Es gibt keinen Nullpunkt des Wissens.
– Wir lassen das triviale Beherrschen der Sprache, in dem die
Enzyklopädie abgefasst ist, weg; also Syntax, alltägliche
Semantik und Konnotaionen (z.B. das Abwertende im Wort Geschmeiß in einem Artikel über Käfer bei Jablonski).
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»Krokodile sind aus dem Geschlechte der Eidechsen, so groß
wie Ochsen.« Die im Lemma genannte fremde Sache wird eingeführt
anhand einer bekannten Sache (hier: ein einheimisches Tier) und einer
Operation, die der Benutzer ausführen muss (hier: ein Größentransfer).
Jeder Text im Artikel knüpft an ein Wissen des Benutzers an und
setzt ein Können voraus. (In der Linguistik: ›Präsuppositionen‹)
- Wissen, das der Benützer andernorts in der
Enzyklopädie nachschlagen kann, wird mit Querverweisen (renvois)
erschlossen; das ist abgesehen von Zirkelverweisen unproblematisch.
- Wissen / Können, das von ausserhalb der Enzyklopädie
beigetragen werden muss, ist problematischer. Hierbei handelt es sich
oft um Wertungen (dass die Schlacht von Marignano für die Schweizergeschichte
ein Tiefpunkt ist) oder Paradigmata (dass die historische Entwicklung
in Stufen voranschreitet), oder Frames und Scripts oder andere nicht
hinterfragte Grundannahmen (dass rare Dinge kostbar sind; bis in welche
Sphäre des Lebens die Bereich eines Mächtigen reicht).
Enzyklopädien (im Gegensatz zur Buntschriftstellerei) kennen verschiedene Techniken zur Auffindung von Wissen.
Vgl. die Kapitel hier: Typen von Wissen — Struktur von Artikeln
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