Wissen abfragen

     
 

Wie funktioniert ein ›Zugriff‹ auf einen Wissensspeicher?

Weil sie sich nämlich wunderten,
haben die Menschen zuerst wie jetzt zu philosophieren begonnen;
sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat.

(Aristoteles, Metaphysik A2, 982)

Inhaltsübersicht

*** Staunen, Neugierde, Nichtwissen

*** Wie funktioniert der Zugriff auf Wissen

*** Besonderheiten von abgespeichertem Wissen

*** Man erblickt nur, was man schon weiss und versteht.

*** Worin bestehen Kenntnislücken?

*** Konsultieren und Scheuklappen dabei

*** Typen von Wissen

*** Organisation und Anspruch von Wissensspeichern

*** Zur Logik von Fragen

*** Logik der Antwort / Kritik daran

 

Seit man mit Suchrobotern wie Firefox oder Bing oder DuckDuckGo usw. das World Wide Web* durchstöbern kann und insbes. seit es Künstliche "Intelligenz"** gibt, haben klassische Enzyklopädien ausgedient:

       

--- oder sie werden – wenn online – von KI geplündert und kompiliert.

* Web ist eine gute Metapher, denn die Petabytes (= 2 hoch 50) von Daten sind nicht nach einem System organisiert, sondern wir bewegen uns wie in einem Spinnennetz – gemeint ist nicht das geometrisch vollkommene Netz der Kreuzspinne, sondern das labyrinthische Netz der Agelenidae-Spinnen. Oder – postmodern ausgedrückt – innerhalb eines >>> Rhizoms:


> http://www.farah-lenser.de/de/rhizom.html

** Artifizielle "Intelligenz" breitet sich pandemisch aus.

KI kann man als eine Black Box bezeichnen; ein Kasten, dessen Organisation (den Laien) im Dunklen bleibt: Man gibt einen "promt" ein — und es kommt eine sprachlich perfekt formulierte "Antwort" heraus.

KI macht (derzeit jedenfalls) keine Quellenangaben, sondern bastelt abgekupferte Textstücke zusammen.

Quellen gibt man an nicht nur aus Respekt vor dem Zitierten oder wegen des ©opyright, sondern weil dabei die Verlässlichkeit zum Vorschein kommt.

Jeder Begriff / jede These / jede Denkform ist ein Konstrukt und basiert auf Vorwissen. Wer Wissen transparent abrufen oder generieren will, muss sagen, worauf er sich stützt. Wissenschaft basiert auf überprüfbarem Erkenntnisgewinn. Das Wort "Methode" kommt von griech. meta + hodos ≈ einem Weg nachgehen.

  • Erasmus von Rotterdam: sed in primis ad fontes properandum ≈ vor allem muss man zu den Quellen gehen. (in: De ratione studii ac legendi interpretandique auctores, Paris 1511)

  • Wissenschaft bedeutet unter anderem, zu wissen, warum man weiss. Hans Kummer [1930–2013], Weiße Affen am Roten Meer, München/Zürich: Verlag Piper, 1992, S.39.

  • Eine Hauptursache der Armut in den Wissenschaften ist meist eingebildeter Reichtum. Es ist nicht ihr Ziel, der unendlichen Weisheit eine Tür zu öffnen, sondern eine Grenze zu setzen dem unendlichen Irrtum.
    Bertolt Brecht, »Leben des Galilei«

2003 hatten wir in diesem Projekt die kognitionspsychologischen Grundlagen von Enzyklopädien untersucht und die Bedingungen und Konsequenzen aufgezeigt. Einiges ist mittlerweile obsolet geworden. Hier eine teilweise re-vidierte Fassung (Sommer 2026)

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Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als das Erstaunen

(Platon, Theaitetos 155d)

Neugierde, Nichtwissen und nach Information verlangen ist ein Zustand, der sich beim Durchschnittsmenschen und im Alltag gar nicht mal so häufig einstellt.

Wir sind, solange wir in pragmatische Prozesse eingebunden sind, entweder durch Gewohnheit oder durch gezielte Schulung so konditioniert, dass uns im Alltag selten etwas wirrklich Fragwürdiges entgegensteht.

Selbstverständlichkeiten haben eine Entlastungsfunktion. Wir sind derart an unsere Lebenswelt angepasst, dass wir auch mit einem gewissen Prozentsatz an Unverstandenem recht gut über die Runden kommen. Ja wir weigern uns sogar, Lücken zuzugeben, verschließen die Augen, sind ›neophob‹. Selbstverständlichkeiten verhindern anderseits aber auch Wissenszuwachs und Innovationen.

Durch Zweifeln kommen wir zum Fragen (dubitando ad inquisitionem venimus), durch das Fragen erfassen wir die Wahrheit. Daher spricht auch die Wahrheit selbst: Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan werden. (Matth. 7,7) (Abaelard [1079-1142], Prolog zu »Sic et non«)

Itaque hominum intellectui non plumae addendae, sed plumbum potius et pondera; ut cohibeant omnem saltum et volatum.
≈ Man sollte den menschlichen Verstand nicht mit Federn, sondern eher mit Bleigewichten versehen, um jegliches Springen und Fliegen zu unterbinden. (Francis Bacon, »Novum Organon Scientiarum« [1645], I, ¶ 104)

Weshalb suchen wir etwas in einer Enzyklopädie / im WWWeb / fragen wir AI an? (Sich selber hinter-fragen!)

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Erwerb von neuem Wissen

Nietzsche nennt als den obersten Satz aller Bildung:
… dass man nur Dem, der Hunger darnach hat,
eine Speise gebe!
(Morgenröthe § 195)

Zu unterscheiden sind Schritte bei einem ›Zugriff‹ auf einen Wissensspeicher (synonym: Konsultationsvorgang – Wissenstransfer – information retrieval):

(i) Die Voraussetzung dafür dass eine Wissensspeicher (eine Enzyklopädie) konsultiert wird – wenn man nicht aus Vergnügen darin schmökert und so viele lustige Dinge entdeckt, die man gar nicht kannte – ist eine Frage, eine Informations- oder Wissenslücke des Benutzers. >>>

(ii) Die gesuchte Information kann nur in Teilen gesucht / dargeboten werden, das ganze Wissen einer Gesellschaft ist in herkömmlichen Enzyklopädien zwecks Transfer in Elemente geteilt und die Artikel mit einer Adresse / einem Schlagwort bzw. einem Lemma versehen.

Wikipedia (seit 2001) vergibt immerhin den einzelnen Wissenselementen Stichworte und vernetzt diese mit Querverweisen.

Erst seit Einrichtung des World Wide Web ist eine konfuse Suche nach x-beliebigen Wörtern (immerhin: Wörtern einer Sprache!) oder Bildern möglich. OCR-erfasste Texte kann man damit absuchen.

(iii) Das Dokument (einst: der Artikel), worin das Wissen (im Medium von Bild oder Text oder Gegenstand oder Film usw.) dargeboten bzw. die Frage beantwortet wird, muss vom Benutzer aufgrund weiterer Kenntnisse verstanden und mit seinen bisherigen Kenntnissen vernetzt werden. >>>

Ein (diese Graphik inspirierende) Graphik hat Paul Otlet in seinem »Traité de Documentation« bereits 1934 gestaltet; vgl. hier >>>

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu seyn vermeynet,
sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen,
macht den Werth des Menschen.
Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worinn allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet.
Der Besitz macht ruhig, träge, stolz —

(G. E. Lessing, Eine Duplik, 1778. S.10f.)

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Die Besonderheiten von abgespeichertem Wissen

In einer einfachen Kultur – Pfahlbauer – ist das kollektive Wissen der Gesellschaft und das individuelle Wissen mindestens bei den iniziierten Mitgliedern deckungsgleich. Nach dem Genuss der Frucht vom Baume der Erkenntnis ist das kollektive Wissen um Zehnerpotenzen größer als das individuelle Wissen. (Vielleicht ist dies eine Auslegung des Mythos in Genesis 3,1ff.). Solche Gesellschaften behelfen sich damit, dass sie relevante Teile des kollektiven Wissens speichern: in Bildern, Mythen, Büchern, Enzyklopädien CD-Roms, im WWWeb.

Individuelles Wissen ist flockig, liegt in Clusters vor, ist angebunden an anekdotische Erinnerungen, ist schnell assoziativ verbindbar, ist allenfalls mittels Merkversen aus der Erinnerung zurückzuholen (»Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten.«).

Gesellschaftliches Wissen ist an ein Medium (Text, Bild, Schallplatte usw.) gebunden und damit diesen medialen Bedingungen ausgeliefert. Ferner ist ein Interface nötig, das Gewähr gibt, dass auch ein anderer als der, der das Wissen abgespeichert hat, es finden kann. Es ergibt sich das Problem der Schnittstelle zwischen Klassifikator und User.

Das gespeicherte Wissen muss, auch damit der Speicher nicht in den Overflow gerät, getrimmt werden. Der Artikel »Frosch« beispielsweise spricht nicht mehr davon, wie mühsam es war, nächtelang in Gummistiefeln im kalten Weiher zu stehen, bis das Foto gelang, nicht mehr davon, wie schwierig es war, das Aquarium von Schimmelpilzbefall frei zuhalten, bis die Metamorphose genau beobachtbar war. Alle Randbedingungen, die bei der ›Generierung‹ des Wissens anfielen, werden für einen herkömmlichen Enzyklopädieartikel weggeschnitten. Der Artikel enthält entkontextualisierte Information.

Der Benutzer des Artikels kann mit dieser Information auch ganz verschiedene Dinge tun, zum Beispiel kann er die Hinweise auf den Aufenthalt des Frosches benutzen, um Frösche zwecks Zubereitung ihrer Schenkel in einem Gourmet-Restaurant zu fangen.

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Jedes vernünftige Lehren und Lernen geht aus von einem vorher vorhandenen Wissen

(Aristoteles, Anal. post. I,1 71a)

Eine lange das Denken beeinflussender Text, der eine Passivität des Erkenntnisvorgangs annimmt, findet sich bei Platon:

Nimm an, dass in unseren Seelen eine Wachstafel sei, welche Abdrücke aufnehmen kann … bei dem einen von reinerem Wachs, bei anderen von schmutzigerem … (Theaitetos 191c)

Let us then suppose the mind to be, as we say, white paper, void of all characters, without any ideas: — How comes it to be furnished? Whence comes it by that vast store which the busy and boundless fancy of man has painted on it with an almost endless variety? Whence has it all the MATERIALS of reason and knowledge? To this I answer, in one word, from EXPERIENCE. In that all our knowledge is founded; and from that it ultimately derives itself. (John Locke, An Essay Concerning Humane Understanding, London 1690; Book II, Chapter i, ¶ 2)

Die Wachstafel-Allegorie wurde immer wieder kritisiert.

Zu (über längere Zeiten hinweg sich stabil erhaltenden) Denkformen, zum Primat von gedanklichen Konzepten, sedimentierten Wissensmustern usw. ist schon viel nachgedacht und geforscht worden.

Grundsätzlich gilt: Um einen Wissensspeicher zu erschließen, ist bereits Wissen nötig. Es gibt keinen Nullpunkt des Wissens. (Dazu gehört allein schon das Beherrschen der Sprache: Syntax, alltägliche Semantik und Konnotationen.) — Erst auf dem Hintergrund von Vor-Wissen und auf der Basis einer Lesetechnik und wenn eine Information von jemandem mit einem bestimmten Interesse aktiv geholt wird, können irgendwelche Daten zu Information werden.

So einfach geht das nicht:

Wilhelm Busch, Maler Klecksel

Einige Hinweise:

  • Francis Bacon (1561–1626), die vier Arten von Idolen in »Novum Organum I, Aphorismen 39ff. (1602)

  • Immanuel Kant, KdrV (1781): apriorische Voraussetzungen der Erkenntnis; ›kopernikaniksche Wende‹

  • Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn (1873), u.a.

  • Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob (1911)

  • Ludwig Wittgenstein, Tractatus, 5.6 (1922): Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

  • Hans Leisegang, Denkformen (1928)

  • Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932)

  • Karl Popper, Logik der Forschung (1934) > Falsifikationismus

  • Hans Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960) > Begriff des Vor-Urteils (S.254ff:)

  • Thomas S.Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions (1962) > Begriff des Paradigmas

  • Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. engl. 1966, dt. 1970.

  • Jürgen Habermas, Erkenntnisinteresse (1968)

  • Hayden V. White, Metahistory (1973) und andere Publikationen

  • Peter Haffner, Die fixe Idee; 13 Versuche, die Welt zu erklären (1999)

  • Steven Pinker, The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature. Penguin Putnam 2002. – Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur, Berlin 2003

Meister Eckhart:
Ein ieglich enpfenclich dinc wirt enpfangen unde gevazzet in sîme enpfâhende nach der wîse des enpfâhenden; ouch ein ieglich merklich dinc wirt gemerket unde verstanden nach dem vermögende des, der ez verstât, unde niht nach dem, als ez merklich ist an ime selber.
(Von Abgescheidenheit, ed. Pfeiffer (4.Auf. 1924), S. 484 ≈ ed. Quint DW V, S. 404.)

Goethe:
Man erblickt nur, was man schon weiss und versteht. (zu Kanzler Friedrich von Müller, 24.4.1819)

Bert Brecht:
Allenthalben treffen wir auf etwas, das zu selbstverständlich ist, als dass wir uns bemühen müssten, es zu verstehen. Was sie miteinander erleben, scheint den Menschen das gegebene menschliche Erleben. Das Kind, lebend in der Welt der Greise, lernt, wie es dort zugeht. Wie die Dinge eben laufen, so werden sie ihm geläufig. [...] Damit all dies viele Gegebene ihm als ebensoviel Zweifelhaftes erscheinen könnte, müsste er jenen fremden Blick entwickeln, mit dem der große Galilei einen ins Pendeln gekommenen Kronleuchter betrachtete. Den verwunderten diese Schwingungen, als hätte er sie so nicht erwartet und verstünde es nicht von ihnen, wodurch er dann auf die Gesetzmäßigkeiten kam. Diesen Blick, so schwierig wie produktiv, muss das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens provozieren. Es muss sein Publikum wundern machen, und dies geschieht vermittels einer Technik der Verfremdungen des Vertrauten.
(Kleines Organon für das Theater, Abschnitt 44)

Unser Erkennen, Deuten, Denken, Fühlen, Handeln, Machtausüben basiert immer schon auf teilweise unbewussten Vorgaben, Selbstverständlichkeiten (auch eine Black Box!). Das hat bezüglich schnellen Dankens/Handelns Vorteilem aber auch epistemologische Nachteile.

Das erkennende, denkende usw. Subjekt ist nicht vollkommen ›Herr des Sinns‹, sondern es wird gleichsam aus dem Hintergrund gesteuert durch ein Ensemble von Mustern, das für ein Kollektiv prägend ist.

Solche uns vorausliegende Muster ermöglichen überhaupt unser/e Erkenntnis, Denken, Fühlen, Handeln, Deuten — schränken es auch ein, verstellen den Blick. Das Bewusstmachen der Vorurteilsstruktur (›Dekonstruktion‹) ist ein zentrales Element der Aufklärung.

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Kenntnislücken der einen Wissensspeicher Absuchenden

Il faut quelque degré d’intelligence, à pouvoir remarquer qu’on ignore: et faut pousser à une porte, pour sçavoir qu’elle nous est close.
≈ Es bedarf immerhin eines gewissen Grades von Einsicht, um wahrnehmen zu können, dass man nicht weiss, und man muss eine Tür zu öffnen versucht haben, um zu erkennen, dass sie verschlossen ist. (Montaigne, Essais, III,13).

Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen;
und es gibt Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen.

(Donald Rumsfeld , 1932–2021)
(Im zweiten Fall nützen die Wissensspeicher nichts.)

Es gibt triviale Fälle von solchen Anstößen, interessante Fälle und künstlich provozierte Situationen:

* es taucht ein fremdes Wort in einem Text auf: »In der Festungsmauer war ein Ravelin beschädigt.«

* eine Handlung kann nicht durchgeführt werden, weil entsprechendes Wissen fehlt (Wie lautet die Telefonnummer von Madeleine? Wie bereitet man ›Blancmanger‹ zu? Wo schalte ich den Videorecorder auf Standby?)

* jemand Fremder fragt uns etwas – diese dialogische Situation wird künstlich erzeugt durch Quiz-Sendungen à la »Wer wird Millionär?«

* insistierendes Fragen eines Lehrers zwingt uns, eine Wissenslücke zuzugeben und – gegebenenfalls als Hausaufgabe – auszufüllen

* paradoxe Formulierungen eines Texts, die in eine Aporie führen, provozieren uns zum Nachfragen

* Neugierde, Fähigkeit sich zu wundern

* usw.

Typen von Lücken:

  • die Lücke besteht aus einem Namen oder Wort oder einer Zahl: Nenne ein Synonym für ›Frühling‹! Wer hat die Jupiter-Sinfonie komponiert? Wann wurde der Westfälische Friede geschlossen?
     
  • die Lücke besteht darin, dass die Einordnung oder Spezifik eines Wissenselements nicht gewusst wird: Ist Rodeln eine olympische Disziplin? Ist der Tintenschöpfling genießbar?
     
  • die Lücke muss mit einer Geschichte gefüllt werden: Wer war Girolamo Cardano? Worin besteht die vielfältige kulturelle Überschichtung auf der Insel Malta?
     
  • die Lücke besteht in der Unkenntnis eines Arbeitsprozesses: Wie zieht man eine Quadratwurzel aus?
     
  • die Lücke besteht darin, dass man nicht weiss, was erlaubt und verboten ist: Was bedeutet ›fasten‹ im Rahmen der katholischen Kirche?
     
  • die Lücke besteht in sogenanntem Hintergrundwissen. beim Stichwort ›Fall der Berliner Mauer‹ können verschiedene Horizonte von Belang sein: die Wiedervereinigungsdebatte, die Perestroika-Politik, ...

  • Einige Wissensbestände sind auch (durch Tabus, Zensur, Ideologie oder Rancüne) verschlossen.

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Das Konsultieren

Und auf welche Weise willst du denn dasjenige suchen,
wovon du überhaupt gar nicht weisst, was es ist?

(Platon, Menon 80d)

Ein Teil des Wissens ist mir unbekannt, aber mindestens einen Zipfel davon kenne ich, kann es wenigstens an einem Stichwort packen oder kenne den ungefähren Ort im System. Wer eine Datenbank absucht, muss also schon eine Vorinformation über das Gesuchte haben.

Daher ist der Begriff des »information retrieval« sehr gut; ›to re-trieve‹ wird auch für das Apportieren im Hundesport gebraucht. (Produktives Denken dagegen rechnet immer damit, dass mir beim Problemlösen ›etwas einfällt‹, das heisst, meinen Erwartungshorizont durchbricht.)

 

Zur Terminologie:                                                    
Als Lemma bezeichnen wir das Stichwort (engl.: tag),
unter dem ein Artikel in einer Enzyklopädie aufgeführt wird;
die Adresse, unter der ich die Daten z.Bsp. in Wikipedia finde.

Für herkömmliche Enzyklopädien gilt:

(a) Das Lemma ist in • systematischen Enzyklopädien ein Ort am Ende eines Verzweigungsbaums und in • alphabetischen Enzyklopädien ein Wort. Im ersten Fall ist das Lemma relativ sprachunabhängig, es kann sich auch um eine ganze Proposition (so z.B. bei einer Sentenzssammlung: ›Böses wird mit Bösem vergolten.‹) handeln; im zweiten Fall ist das Lemma abhängig von der Semantik der Sprache der Enzyklopädie und ihrer Benutzer.

(b) Der ›Zugriff‹ durch die Vorgabe von Lemmata ist je nach Objekt verschieden stark (und gravierend). Objektbreiche, die ›an sich‹ gut strukturiert sind (z.B. Tiere, chemische Stoffe) machen wenig Probleme – Objekte, die starken Konstruktcharakter haben, sind heikel. Beispiele: ›Möbel‹, ›Spiel‹ ...

(c) Das Lemma präsupponiert eine Anfrage des Benutzers, es sagt gleichsam ›Darüber möchtest du doch gerne Bescheid wissen, gelt?‹ Die Enzyklopädie rechnet also damit, dass nur ein Teil des Wissens dem Benutzer unbekannt ist oder dass er es wieder vergessen hat – dass er aber mindestens einen ›Zipfel‹ davon weiss, es wenigstens an einem Stichwort packen kann oder den ungefähren Ort im System kennt.
Wer eine Enzyklopädie oder KI absucht, hat schon eine Vor-Information über das Gesuchte.

(d) Die Volltextsuche läuft ohne Lemmatisierung und ohne Homonymen-Trennung, d.h. mit der Eingabe von »Maus« fallen die Nagetiere und das Eingabegerät beim Computer zusammen.

(e) Jedes Adressierungsmittel favorisiert gewisse Wissenselemente und blendet zwangsläufig andere aus. Jede Gemeinschaft von Enzyklopädie-Redaktoren und Benutzern hat ihre blinden Flecken. Diese werden erst sichtbar durch interkulturellen Verlgeich oder Blick in historisch abliegende Epochen.

(f) Von Lemma zu Lemma. Hypertextverlinkung ist nur hinsichtlich der EDV neu. Die »Encyclopédie« (1751ff.) ist durchzogen von Querverweisen (les renvois), welche die einzelnen, alphabetisch angeordneten – und damit inhaltlich oft weit voneinander abliegenden – Artikel wie ein Netz miteinander verbinden.

(g) Seit einiger Zeit gibt es auch Tools, mit denen man ohne (sprachliches) Lemma Fragen stellen kann:

• Für Musik: Bereits der »Dictionary of Musical Themes« von Harold Barlow und Sam Morgenstern (New York 1948) enthielt einen Theme Finder, mit dem man Melodien identifizieren konnte; jetzt gibt es die App SHAZAM, mit der ein Smartphone, vor den Lautsprecher gehalten, die Melodie identifiziert u.a.m.

• Für Bilder: searchbyimage.comwww.tineye.com und andere

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›Scheuklappen‹ beim Konsultieren

(A) Bereits die natürliche Semantik der Sprache des Datenspeicher/Benutzers verstellt den Blick.

Wir glauben naiverweise, dass dasjenige eine ›Entität‹ sei, wofür wir ein Wort haben. (Ernst Leisi, Der Wortinhalt, 1952: Hypostasierung). Schon ein Vergleich der Schulsprachen lehrt, dass dies keineswegs so ist.

Das ist bei Dingen, die eine deutliche aussersprachliche Struktur haben (der Mond, der afrikanische Elefant, Louis XIV., Natriumchlorid) unproblematisch. Man überlege sich indessen, wo in einer nicht-deutschsprachigen Enzyklopädie ›Dinge‹ abgespeichert sind wie Bildung — französisch formation, éducation, connaissances, Adj: cultivé(e), lettré(e)

Die Worte liegen uns im Wege! – Überall, wo die Uralten ein Wort hinstellten, da glaubten sie eine Entdeckung gemacht zu haben. Wie anders stand es in Wahrheit! – sie hatten an ein Problem gerührt und indem sie wähnten, es gelöst zu haben, hatten sie ein Hemmniss der Lösung geschaffen. – Jetzt muss man bei jeder Erkenntniss über steinharte verewigte Worte stolpern, und wird dabei eher ein Bein brechen, als ein Wort. (Nietzsche, »Morgenröthe« I, 47)

(B) Wenn wir eine (herkömmliche) Enzyklopädie nach einem Lemma abfragen, so können uns Aussagen entwischen, die durchaus enthalten sind, aber unter anderen Lemmata abgespeichert wurden.

Beispiele aus historisch abgelegenen Epochen sind besonders aufschlussreich, weil wir hier mit einem fremden Blick schauen.

Beispiel: Das »Damen Conversations-Lexicon« von C. Herloßsohn (1834–38; 2.Aufl. 1846) kennt zwar einen Artikel »Emancipation« , behandelt dort aber nur die Losspechung von Sklaven oder der Katholiken in Irland, nicht die Frauen. Es finden sich indessen viele emanziptorische Gedanken in den einzelnen Artikel über Länder, z.B. »Türkei (Frauen)« oder »China (Frauen)« sowie im Artikel »Adel«.

Beispiel: Nationenstereotypen finden sich im genannten »Damen Conversations-Lexicon« auch an versteckten Orten, z.B. im Artikel über den »Walzer«, von vom graziösen Frankreich und dem steifen England die Rede ist.

Beispiel: In der Enzyklopädie von Krünitz gibt es keinen Artikel zur Kinderarbeit. Aber selbstverständlich wird sie allenthalben erwähnt, z.B. heisst es im Artikel »Nähnadel« (Band 101 (1806) , S. 4), dass bei deren Verfertigung viele Arbeiten anfallen, und dabei werden Kinder beschäftigt.

(C) In Fragen sind Präsuppositionen enthalten. Beispiel: Worin besteht der Erreger der Malaria? Mit der Fragestellung wird bereits vorausgesetzt (präsupponiert): Es gibt ein stabiles und erkennbares Symptom: die Malaria. Und als Leitidee wird impliziert das Modell einer Invasion des Gesunden Körpers durch feindliche Eindringlinge. Beide scheinbar gegebenen Größen können in die Irre führen.

(D) Wissen in lebenspraktischen Zusammenhängen. Beispiele: »Unkraut« gibt es im Botanik-Buch nicht, hingegen weiss der Gärtner sehr wohl, was er ausreissen muss. – »Unreine Tiere« gibt es im Zoologie-Buch nicht, hingegen als Speisegebot in der Bibel(3.Mos 11,3–8).


Man sage nicht, mit der heutzutage möglichen Volltext-Suche sei das Problem behoben. Zwar umgehen wir so den lemmatisierenden Zugriff einer Enzyklopaedie-Redaktion, aber hinter das Problem (A) kommen wir auch so nicht.

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Was heisst ›Wissen‹?

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde,
als eure Schulweisheit
sich träumt.
(Hamlet zu Horatio, I.Akt, 5.Szene)

Typen von Wissen (in der Theorie)

Es gibt eine lange Tradition der Unterscheidung von Wissenstypen:

  • Leibniz unterscheidet (Monadologie § 33) »vérités de fait« (empirische Sachwissen, kontingent) und »vérités de raison« (axiomatisches Wissen, notwendig z. B. Die Winkelsumme im Dreieck beträgt zwei rechte Winkel.)

  • Kant unterscheidet: Wissen »ex datis / ex principiis« (Kritik der reinen Vernunft B 863)

  • Jürgen Mittelstraß unterscheidet »Verfügungswissen« (Wissen über Ursachen, Wirkungen, Mittel; Wie kann ich mein Ziel erreichen?) und »Orientierungswissen« (Was soll / darf ich tun?)

  • Die Psychologie unterscheidet (kollektiv-)semantisches Wissen und episodisches Wissen.

Typen des Wissens (in der Alltagslogik; eine ungeordnete Liste)

  • Wissen, dass etwas einmal der Fall war: Goethe ist 1832 gestorben.

  • Wissen davon, welche Eigenschaften ein Phänomen regelmäßigerweise hat: Das Reh frisst kein Fleisch. Fliegenpilze sind giftig.

  • Wissen davon, in welche übergeordneten Klassen wir (in unserer Kultur) Dinge einordnen: Voltaren ist ein Arzneimittel.

  • Wissen davon, was unter einem Archilexem alles subsumiert ist: Unkraut, olympische Disziplin

  • Kenntnis einer Regularität: Gelb-schwarz-gefleckte Tiere sind meistens gefährlich.

  • Kenntnis von Definitionen: Primzahl ist eine durch sich selbst und durch 1 teilbare natürlich Zahl.

  • Kenntnis von sprachlichen Differenzierungen. hüpfen, gehen, laufen, schlendern, spazieren u.a. sind Verben für das Archilexem ›gehen‹

  • Kenntnis von Geschichten: Geschichten vom eigenen Herkommen, prototypische Geschichten (Der barmherzige Samariter).

  • Kenntnis von Normen, Kenntnis von erlaubten bzw. tabuisierten Zielen und Werten: Zu Fisch serviert man Weisswein. Milchiges und Fleischiges darf man nicht mischen.

  • Kenntnis von Erklärungsmustern: Die vielen Gewaltverbrechen entstehen durch die Vorbildwirkung von Krimiserien.

  • Procedural skills (z. B. Rechnen mit einem Abakus); Kenntnisse von Problemlösungsstrategien (z. B. die Technik des Fahrplanlesens)

  • Wissen, wie man Diagramme ›liest‹.

  • Kenntnis von sozialen Handlungsabläufen, »Frames« und »Scripts« (Die Begriffe wurden eingeführt von Schank, Roger C. / Abelson, Robert P., Scripts, plans, goals and understanding- An inquiry into human knowledge structures, Erlbaum Hillsdale, NJ, 1977.)

  • Wissen um die Verwendung z.B. des Modus BARBARA oder des a fortiori-Schlusses u.a.m.

  • handwerkliches Wissen (wissen wie man ein Blancmanger herstellt; wie man ein Brett geradehobelt)

  • Meta-Skills beim Suchen von Wissen: In Printmedien gibt (gab) es Register; man muss ggf. Homonyme trennen (Eros als mythologische Figur, als Filmstar, als Nachtclub); evtl. kommt man mit Synonymen weiter; u.s.f.

  • Die Liste ist offen.

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Organisation und Anspruch von Wissensspeichern

Le nombre des systèmes possibles de la connoissance humaine est aussi grand que celui des points de vue. Le seul, d’où l’arbitraire seroit exclu, c’est le système qui existait de toute éternité dans la volonté de Dieu. (Diderot im Artikel »Encyclopédie« in der Encyclopédie, Band 5, Paris 1755)

Wissen tun wir vernetzt. Damit es versorgt bzw. abgelegt werden kann, wird es in Elemente verhackstückt. Beim ›Verzetteln‹ in einem Fichier wird das Gedankengebäude zerstört.

Systematische Ordnungsprinzipien setzen das System kennende Benutzende voraus. Taxonomie. Die Baumgraphik insinuiert: Von der Wurzel über den Stamm bis zu den Zweigen und Blättern enthalte ich alles.

Alphabetische Gliederung ist eine junge Entwicklung und bedarf noch 1712 der Rechtfertigung. Sie hat andere Nachteile: Sie zerreisst Zusammenhänge (zum Beispiel von «Krieg» und «Frieden») und stellt Unzusammenhängendes nebeneinander («Mammon» und «Mammut»). Man muss zwar das System nicht kennen, findet aber nichts, wenn man das Stichwort nicht weiss. — Insinuiert wird: Zwischen A— und Z— steht alles.

Vgl. die vergleichende Übersicht hier

KI dagegen ist völlig unorganisiert; da kannst du einfach stöbern...

 

••• Wissensspeicher aller Zeiten gaukeln vor, die Totalität des Gewussten zu bieten.

- Eine Taxonomie beginnt beim einen ›Stamm‹ des Baumes, von dem alle Äste, Zweige, Früchte abhängen.
- Kein Wissensteil im All-phabet entkommt der Klammer zwischen alpha und omega.

  • Der Titel von Hrabanus Maurus (9.Jh.) lautet »De universo« — Buchtitel wie »L'image du monde«, »Cosmographia«, »Enzyklopaedie«, »Lexicon Universale«, »Universal-Lexikon« usw. suggerieren das.

  • Es kann dadurch geschehen, dass man das ganze Wissen in ein stringentes (taxonomisches) System zwängt (Theodor Zwinger, »Theatrum vitæ eternæ»).

  • Aber auch schon die Einklammerung zwischen den Buchstaben A und Z (alpha bis omega) stellt diese Ambition dar.

  • Im »Hexaemeron« wird die ganze Schöpfung entlang dem Sechstagewerk durchgenommen. — Johann Jakob Scheuchzer hat den Anspruch auf die Totalität seiner Weltsicht damit begründet, dass er (1731/35) die Naturdinge entlang der biblischen Bücher von der Genesis bis zur Apokalypse angeordnet hat.

  • Die Exempla-Sammlung des Antoine d’Averoult (1603) folgt dem Katechismus.

  • Allein schon der Umfang: Zedlers »Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste« (1732–1754) umfasst 64 Folio-Bände; 750 000 Artikel auf 62 571 Seiten. — Ersch & Gruber, »Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste«, 1818–1889, 168 Bände.

Mittelalterlichen und barocken Enzyklopädisten kann man nicht einfach Stolz über angehäufte Schätze unterstellen; sie wollten durch das Ausbreiten des Wissens über alle geschaffenen Dinge die Schönheit der göttlich durchwalteten Schöpfung sichtbar werden lassen.

Die großen Werke des Spätmittelalters entstanden durch Kompilierung älterer Werke. Es hat offenbar niemanden gestört, dass die einzelnen Wissensfetzen innerhalb desselben Artikels redundant oder widersprüchlich waren. Nur keine Information verkommen lassen! (Vgl. die chronologische Liste hier)

Der Bestand an totem Wissen wird ständig dadurch vergrössert, dass obsolete Wissenselemente erst lange nach ihrem Aktualitätsverlust oder nur bei auffälliger Inkompatibilität mit anderen entsorgt werden. Erforschbar wäre das anhand historischer Längsschnitte von Auflage zu Auflage (Der »Hübner« hat zwischen 1704 und 1825 einund dreissig Auflagen erlebt; Pierers Universal-Lexikon zwischen 1824 und 1893 sieben Auflagen)

Alle Wissenspecher haben ›blinde Flecken‹.

›Fakten‹ (abgesehen von ganz konkreten Dingen wie z.Bsp. "die Reiterstatue Karls des Großen im Louvre") gibt es nicht einfach so. Bereits Tierarten wie etwa "Canis lupus" sind Abstraktionen; die Abstratkionsleiter geht dann höher zu sozial hergestellten Dingen wie "Bruttoinlandprodukt" u.ä. — Dementsprechend fallen die Antworten unterschiedlich aus....

Die Aufbereitung des Wissens zwecks Erschliessung, Verfügbarmachung der Information in einer Enzyklopädie / mittels KI bedingt, dass die Herleitung dieser Information nicht mehr dargestellt wird. Das Wissen wird entwurzelt. Damit wird die Einsicht in den Konstruktcharakter unseres Wissens verhindert.

••• Werden die Quellen angegeben? (Vgl. dazu >>> oben)

In Enzyklopädien wird seit der Antike oft nicht gesagt, woher die Information kommt. Im 19.Jh. dann gibt es gelegentlich Hinweise auf Fachliteratur.

Bei Wikipedia ist gelegentlich zu lesen: »Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) Wie kann eine Enzyklopädie das Bewusstsein dafür wachhalten, dass sie unvollständig ist?

o Die Schedelsche Weltchronik (1493) enthält nach der Beschreibung der Gegenwarts-Geschehnisse und vor derjenigen des Jüngsten Gerichts auf fol. CCLVIII verso den Satz: zu beschreibung mer geschihten oder künftiger ding sinn hernach ettliche pletter lere gelassen — und dann folgen einige leere Blätter.

o Johann Jacob Scheuchzer ließ in seinem Katalog der Zürcher »Kunstkammer« (Museum Civicum Tigurinum ZBZ, Archiv 24) bei denjenigen Dingen, deren Vorhandensein er vermutete, die er aber nicht im Museum vorfand, ein halbes Blatt leer.

o Die zweite Auflage von Giorgio Vasaris Le Vite de' piv eccellenti pittori, scvltori e architettori (In Fiorenza, Appresso i Giunti, 1568) enthält Bilder: ovale Holzschnitte im Format 7 x 5 cm in Prunkrahmen. Dort wo man kein Portait fand, ließ man den Rahmen leer:

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:014_le_vite,_pietro_cavallini.jpg

••• ›Verantwortung‹ der Antwort

Enzyklopädien von der Antike (z.B. Plinius, Isidor, Honorius Augustodunensis, … Laurentius Beyerlinck, … Pierre Bayle, Johann Jakob Scheuchzer) bis ins 18.Jh. wurden von éiner einzelnen Person (mithilfe von Zuträgern) verfasst.

Johann Georg Krünitz konnte 5 Bände bearbeiten, bis er mit 41 Jahren (über der Arbeit am Artikel ›Leiche‹!) verstarb. Dann haben mehrere andere Verf. weitergearbeitet.

An der »Encyclopédie« (1751–1772) arbeiteten 140 Verfasser, deren Artikel mit einer Sigle gekennzeichnet sind; u.a. J.-J. Rousseau für das Thema Musik — Diderot selbst signiert mit (*). (Vgl. hier)

In der 3. Auflage von Pierers »Universal-Lexikon« (1849–1853) … an dem mehr als 300 Autoren mitgearbeitet haben sind viele Beiträge mit Initialen signiert; z.B. (Fch.), (v.Hy.), (Su.), (Lb.), (Pr) – Wer ist gemeint?

Im »Damen-Conversations-Lexikon«, hg. Carl Herloßsohn (1834–38) sind viele Artikel mit Initialen signiert; z.B —n, B—l, L.M. —t—, D—R. – Wer ist gemeint?

Die Artikel z.Bsp. in der 15. Auflage der »Encyclopædia Britannica« sind namentlich signiert.

Anonym sind die Artikel in den Konversationslexika des 19./20.Jhs., z.Bsp.: Herder, 4.Auflage — Meyer, 6.Auflage — Brockhaus 15.Auflage.

(Es konnten nur einige Beispiele präsentiert werden.)

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Zur Logik von Fragen

Prudens interrogatio quasi dimidium sapientiae.
≈ Eine kluge Frage stellen ist schon das halbe Wissen.
(Francis Bacon [1561–1626], De dignitate et augmentis V,3)

Si quaestionem perfecte intelligamus, illa est ab omni superfluo conceptu abstrahenda,
ad simplicissimam revocanda, et in quam minimas partes cum enumeratione dividenda.

≈ Um die Frage vollständig zu verstehen, muss sie von jedem überflüssigen Begriff befreit,
auf das Einfachste reduziert und durch Aufzählung in die kleinstmöglichen Teile zerlegt werden.
(Descartes, »Regulae ad directionem ingenii«, Regula XIII.)

 

Für Abfragen sagt man heutzutage "prompten", ok.

Fragen können in einem mehrdimensionalen Netz (1) bis (6) verortet werden. (Der Katalog ist offen. Innerhalb der Kategorien erfolgt die Aufzählung hier unsystematisch.)

(1) Haltungen der fragenden Person der angefragten gegenüber; Einige Frage-Modi; wovon für unser Thema VI bis VIII von Interesse:

I Katechetisches Abfragen von Wissensinhalten, um den Wissensstand des Educandus zu prüfen

II Inquisitorisches Fragen, extorquieren, um jemandes Geheimnisse auszuforschen. Dauzu gehört auch die »Gretchenfrage«: Nun sag’, wie hast Du’s mit der Religion? (Goehte, Faust I, 3415ff.)

III Rhetorische Fragen, Vergewisserungs- und Aufforderungsfragen (»Du kommst doch?«) und andere sprachliche Formen (»Hast Du das jetzt endlich kapiert?«)

IV Empathie-Bekundung: Wie gehts Dir? — Was Parzival den Anfortas zu fragen vergaß: »Œheim, waz wirret Dir?« (Wolfram, Parzival, XVI, 796,29)

V Entscheidungsfragen: Können Sie Sanskrit?

VI In-Erfahrung-Bringen von Unbekanntem bei Informationsdefizit

VII Problemlösendes Fragen (Wie führt man den Beweis, dass die Dreiteilung des Winkels mit Zirkel und Lineal unmöglich ist?)

VIII Sokratisch-erweckendes Fragen, um verkrustete Vorverständnisse und Selbstverständlichkeiten aufzubrechen. Risiko: Revision der unbedachten Kategorien ist nötig. — Menon im (nach ihm benannten) Dialog von Platon vergleicht Sokrates mit einem Zitterrochen, der in Aporien hineinführt.

(2) Wie ist der Objektbereich beschaffen?

Ich suche / bzw. frage nach:

a dem Verfasser von »Wider die böse Sieben«

b alle Primzahlen zwischen 300 und 400

c den Graphiker eines bestimmten mir vorliegenden Holzschnitts

d die Symbolik der Veirzahl

e den Text, aus dem der Satz vincit amor omnia stammt

f den Text, aus dem der Gedanke stammt, dass derjenige glücklich ist, der die Ursachen der Dinge zu erforschen weiss

g einen vergessenen Namen: ›Wie hieß der Mann, der den Artemistempel in Ephesos anzündete, damit sein Name der Nachwelt in Erinnerung bleibe?‹ Mit herkömmlichen Enzyklopädien schwierig; erst die Volltextsuche in elektronischen Datenbanken erlaubt es, Herostratos zu finden.)

h Ob Odysseus mit Nausikaa Kinder gezeugt hat

i nach der Lösung der Konstruktion des regelmäßigen Fünfecks

j ob, die Zeit einen nenlichen Anfangspunkt hat

k ob in allen Gegenden der Erdballs am gleichen Tag Vollmond ist

l was der Sinn von Hölderlins Gedicht »Hälfte des Lebens« ist

m was die Etymologie des englischen Worts ›nurse‹ ist

n ein Motiv für eine Handlung: ›Warum lässt Gott Adam die Tiere benennen?‹

o Bewertung eines Handelns (›Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan?‹ Matthäus 21,31)

p Wenn der dem Benutzer bekannte ›Wissenszipfel‹ aber nur eine vag umrissene Vorstellung ist, wird es schwieriger: ›Wie hieß der Maler, der horizontale und vertikale Balken über die Bildfläche legt und die Zwischenräume farbig ausmalt?‹ [Diese Frage im Januar 26 bei Google eingegeben führt zu Mark Rothko... na ja.]

q ………

(3) Ergänzungsfragen vs. Entscheidungsfragen

Grammatikalisch unterscheidet man

• W-Fragen bzw. Ergänzungsfragen (»Wer war der Erfinder der elektrischen Glühlampe«)?

• Satzfragen bzw. Entscheidungsfragen (»Ist Keuschheit eine Tugend?« »Hast Du den Brief eingeworfen?«) (Die Frage nach dem Warum scheint anders gelagert zu sein als die nach dem Wo oder Wer.)
Hat die Hat diese für die idg. Sprachen einsichtige Unterscheidung eine logische Basis?

(4) Fragen präsupponieren gewisse Antwort-Bereiche

Fragwürdig wird etwas immer nur innerhalb eines Bezugssystems von Klassifikationen, Kausalitätshypothesen, Normen usw.

• Die Frage »Wem gehört dieser Regenschirm?« ist nur sinnvoll in einer Kultur, wo es Privatbesitz von Sachen gibt. (Die Frage »Wem gehört Herr Meier?« ist in einer Kultur ohne Leibeigenschaft nicht sinnvoll.)

• Welches Gedankensystem, welcher ›logische Raum‹ wird bei der Recherche – teils als Angebot, teils als Eingrenzung – vorausgesetzt?

A die riesigen, schattigen Höhlen der individuellen Erinnerung

B ein Set von Axiomen und Operationen

C das gesellschaftliche Wissen; hier unterteilt je nach Frage: eine bestimmte Personengruppe, ein Weltausschnitt

D der Raum der historischen, kulturellen Bedingungen, gesellschaftlichen Konventionen

E ein festumrissenes Textcorpus

F ..

(5) Welche Suchstrategien führen zum Erfolg?

i eine Auswahl vorgesetzt bekommen, darin schmökern und das Passende auswählen

ii einen Algorithmus abarbeiten

iii ein "inneres Bild" als Zielgröße vor Augen schweben haben

iv eine Analogie zu etwas bilden, das man schon kennt

v Assoziationen im episodischen Gedächtnis bilden, bis man sich an das Gesuchte erinnert

vi ›Köder-im-Teich-Technik‹: mit einem Suchwort in einem Thesaurus suchen

vii in einen taxonomischen Verzeichnis vom Allgemeinen zum Besonderen vordringen

viii Try and Error

ix Volltextsuche (vor der Möglichkeit des Zugriffs auf e-Texte: mittels Durchlesen, allenfalls mittels Konkordanzen)

x ....

(6) Was kann auf diese Frage geantwortet werden (Antwort-Typ)?

a ein Wort; eine Reihe von Wörtern; ein Satz

b eine deiktische Geste (»dort!«)

g eine geordnete Abfolge von Handlungen

d ein komplexes sprachliches Gebilde, ein argumentativer Text, eine Geschichte

e eine Handlungsanweisung (auf die Frage »Was soll ich tun, um ein gottgefälliges Leben zu führen?«)

...

y Woran merke ich eigentlich, dass es die Antwort auf die von mir gestellte Frage ist?

z Der Gefragte kann mit einer Gegenfrage reagieren. Eine sehr primitive Rückfrage ist, wenn Google fragt: »Meinten Sie xyz?«

(7) Technik der Topoi

Topos bedeutet ursprünglich ›Fundort‹, und zwar in metaphorischem Sinne bei der Schatzsuche im Gedächtnis, das man sich als Raum oder Landschaft vorstellt; dann meint Topos auch: Hinweis auf einen solchen Ort, Suchtip, Wink. Das Konzept wurde in der antiken Rheotirik entwickelt.

Die Topoi dienen dem Redner, einschlägige Argumente, von der Gegenpartei ebenfalls anerkannte Prämissen zu finden. Es gibt bequeme Topos-Kataloge, Frageraster wie den Merkvers-Hexameter quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando.

(8) Dumme Fragen. Falsch gestellt Fragen. Fragen, die sich in nichts auflösen, wenn man die ›behandelt‹.

»Was ist die Zeit?« »Was ist Bewusstsein?« (in Analogie zu »Was ist ein Kaninchen?«) – »Ist die Vorsehung Gottes mit der Willensfreiheit des Menschen vereinbar?«

(9) Serendipity

Kann man finden, was man gar nicht gesucht hat? Die Werke der Buntschriftstellerei offerieren planlose Erkundungsreisen.

Literatur (Es gibt eine große Menge dazu...)

Aron Ronald Bodenheimer, Warum? Von der Obszönität des Fragens, (Reclams UB 8010), 2. Auflage Stuttgart 1985.

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Logik der Antwort / Kritik

Prüft alles und behaltet das Gute ! (1. Thessalonikerbrief 5,21)

»Ich habe bemerkt«, sagte Herr K., »dass wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, dass wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?« (Bertolt Brecht, Geschichten von Herrn Keuner)

••• Logik der Antwort:

Beispiel: »Krokodile sind aus dem Geschlechte der Eidechsen, so groß wie Ochsen.«

Die im Lemma genannte fremde Sache wird eingeführt anhand einer bekannten Sache (hier: ein einheimisches Tier) und einer Operation, die der Benutzer ausführen muss (hier: ein Größentransfer). Jeder Antwort-Text knüpft an ein Wissen des Benutzers an und setzt ein Können voraus. (In der Linguistik: ›Präsuppositionen‹)

Wissen, das der Benützer andernorts in der Enzyklopädie nachschlagen kann, wird mit Querverweisen (frz. renvois) erschlossen; das ist abgesehen von Zirkelverweisen unproblematisch. In den elektron. Medien gibz es die Hyperlinks.

Welches Wissen trage ich Fragende/r bei? Wertungen, nicht hinterfragte Grundannahmen usw?

Beispiel: Den Artikel über Neutrinos verstehe ich nicht, ich bräuchte dazu viel Expertenwissen – aber die ETH-Studentin wird sich für die Prüfung in Atomphysik nicht mit so einem Text vorbereiten, den sie sicherlich verstehen würde. Also: Wem nützt dann das gespeicherte Wissen?

••• Gibt es Hinweise auf Unerklärtes? Das Fragezeichen ? ist wohl die am wenigsten verwendete Schrifttype in Enzyklopdädien u.ä. — Enzyklopdädien / KI stellen keine Fragen. Das überlassen sie ihren Benutzern. Sie selbst geben nur Antworten. Das heisst aber auch: Die allen Wissensfortschritt beflügelnde Neugierde muss vom Benutzer vorgeleistet werden, sie wird im besten Fall befriedigt, aber nicht angestachelt.

 

••• Kritik am Gefundenen:

Fingiertes Beispiel: In einem Text wird berichtet, dass ein Nordpol-Forscher Pinguine auf den Eis-Schollen beobachtet hat. – Wie zuverlässig ist diese Nachricht?

In Kinderbüchern mag es ja angehen...

»Ringgi und Zofi bei den Eskimos« 1953,
Ausschnitt des Titelbilds (Privatbesitz)
> https://www.comics.org/issue/1630908/cover/4/

In Wikipedia gibt es bei jedem Artikel die Abteilung »Diskussion«, wo sich Benutzende kritisch bzw. ergänzend äussern können. (Wer arbeitet hier mit? Laien – Freaks – Experten – auch Spammer, Spinner – Roboter ?) — Gelegentlich wird ein Artikel auch gezennzeichnet mit ›Cet article est une ébauche concernant ###‹ bzw. ›This article about ### ist a stub.‹

Sir Thomas Browne (1605–1682) hat eine Enzyklopädie von Irrtümern zusammengestellt:

»Pseudodoxia Epidemica or Enquries into very many received tenets and commonly presumed truths«, 1646 – Kommentierte Ausgabe (der 1672er-Edition): ed. Robin Robbins, Oxford: Clarendon Press 1981 (2 vols.)
Ausgabe 1672> http://penelope.uchicago.edu/pseudodoxia/pseudodoxia.shtml

>>> Mehr dazu im Kapitel Kept or discarded

••• Reflektieren die Benutzenden über die wunderbar formulierten Texte, die vom in der Enzyklopädie gefunden oder vom IT-Roboter erstellt wurden?

Aesop (Perry # 27): Ein Fuchs kam in die Werkstatt eines Bildhauers
und sah sich alle Gegenstände darin genau an.
Als er die Maske eines Schauspielers fand, nahm er sie auf und sagte:
›Was für ein großer Kopf ohne Inhalt!‹

Phaedrus I,7: Personam tragicam forte vulpes viderat;
›O quanta species‹ inquit ›cerebrum non habet!‹

Illustration von Richard Heighway (1832–1917) in: The fables of Æsop, selected, told anew and their history traced, London / NY : Macmillan 1894, p. 53
> https://archive.org/details/fablesofsopsel00kely/page/52/mode/2up

Michel de Montaigne (1533–1592) äussert sich in einem Essay (I, 24) sehr skeptisch über die naive Art der Wissensvermittlung seiner Zeit:

Wir bemühen uns weiter um nichts, als um unser Gedächtnis anzufüllen, lassen aber den Verstand und das Gewissen leer. Gleichwie die Vögel zuweilen Futter suchen und es im Schnabel tragen, ohne etwas davon zu geniessen, ebenso plündern auch unsere Pedanten die Wissenschaft aus den Büchern und tragen sie nur auf den Lippen. [...] Wir heben anderer Leute Meinung und Gelehrsamkeit auf, und das ist auch alles. [...] Was hilft uns, dass wir den Magen voll Speise haben, wenn sie nicht verdaut wird und uns nicht anschlägt? [...] Wir lehnen uns so stark auf des anderen Arm, dass wir darüber unsere eigenen Kräfte schwächen.

Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) vermerkt :

Der allzu schnelle Zuwachs an Kenntnissen, der mit zu wenigem eigenem Zutun erhalten wird, ist nicht sehr fruchtbar, die Gelehrsamkeit kann auch ins Laub treiben ohne Früchte zu tragen. Man findet oft sehr seichte Köpfe, die zum Erstaunen viel wissen. Was man sich selbst erfinden muss, lässt im Verstand die Bahn zurück, die auch bei einer anderen Gelegenheit gebraucht werden kann. (Sudelbücher, C 196).

••• Wie beeinflussen die in Enzyklopädien / im WWWeb kolportierten Vorstellungen die Generierung von neuem (auch falschem) Wissen? — Sie sind auch Verhinderer neuen Wissens.

Omniszienz-Phantasien der User. Eine Enzyklopädie ist nicht bloss ein Nachschlagewerk, sondern auch eine Art der Selbstvergewisserung einer Kultur und ein stolzer Ausweis dessen, »wie wir’s zuletzt so herrlich weit gebracht« (Wagner zu Faust, I, 570ff.).

Naiv ist die Vorstellung, Wissen sei speicherbar, und das sei einfach eine Frage von Laufmetern Büchern beziehungsweise Terabytes. Naiv ist die Vorstellung, Wissen könne weitergegeben werden, und dies sei einfach eine Frage der Übertragungsrate (in Baud). Naiv ist die Vorstellung, dass blosse Informationsvermittlung Aufklärung zur Folge haben könnte. (Kant sagt deshalb auch, Aufklärung sei der Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, nicht Uninformiertheit.)

All unser Wissen ist vermittelt, durch die (stets trügerischen) Sinne, durch Instrumente, Archivalien, gebrochen durch modische Vorurteile, durch ästhetische Präferenzen, durch das Persönlichkeitsprofil der Forschenden usw. Der grösste Anteil unseres Wissens ist von anderem Wissen hergeleitet, beruht auf Schlüssen oder wohl häufiger auf blindem Glauben, ist in Theorien eingebettet, denen wir bis zum Erweis ihrer Unhaltbarkeit folgen müssen.

Die grossen weiterbringenden Denkleistungen waren Problemlösungen, die durch ›Umstrukturieren‹ zustande kamen. Wie kann das mit ad hoc abgerufenem Wissen geschehen? Weiter: Solche Datenbanken führen zum Abhandenkommen kreativer Fähigkeiten beim blossen ›User‹. Man muss Probleme nicht mehr ausformulieren, sondern blättert beziehungsweise klickt sich durch die Datenbank, bis man irgend etwas Brauchbares findet. Dann lehnt man sich blinzelnd zurück und ... wähnt zu wissen.

Literaturhinweis: Nicola Gess, Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit, Berlin: Matthes & Seitz 2021.

••• Generell:

Der Fortschritt der Wissenschaft besteht möglicherweise weniger darin, dass bessere Antworten auf Fragen gefunden werden, als darin, dass die alten Fragen als irreführend ent-deckt und bessere Fragen entwickelt werden.

Die großen weiterbringenden Denkleistungen waren Problemlösungen, die durch den neuartigen Bezug eines Schemas auf ein Problem, durch ›Umstrukturieren‹ zustande kamen. Wie kann das mit ad hoc abgerufenem Wissen geschehen?

Das Wissen wir immer komplexer, unübersichtlicher... Neue Medien gaukeln uns vor, Wissen sei ganz einfach abzufragen...

(Zeitstrahl nach unten!)

Jetzt sucht man überall Weisheit auszubreiten,
wer weiß, ob es nicht in ein paar hundert Jahren Universitäten gibt,
die alte Unwissenheit wieder herzustellen.

(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher KII 236)

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PM, Juli 2026 aufgrund älterer Texte

Vgl. ferner die Kapitel hier: Typen von WissenStruktur von Artikeln

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