Frontispizien von Enzyklopädien


           
    Vorbemerkung  

Viele Enzyklopädien enthalten Titelbilder, in denen u.a. Aussagen über das Werk gemacht werden. Das sind metasprachliche Aussagen, genau so wie sie in anderen Paratexten oder in Reklamen vorkommen.

(Auf dieser Seite werden auch Visualisierungen des Allgemeinwissens erwähnt, die nicht in Enzyklopädien vorkommen, die aber Frontispizien inspiriert haben mochten oder von solchen abstammen.)

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An der Bereitstellung des Materials und den Interpretationen hat mitgearbeitet: Ruth Affolter-Nydegger

 
           
    Einleitung  

Verschiedene Aspekte prägen Titelbilder in der älteren Zeit. Man kann fragen: Mit welchen bildnerischen / textuellen Mitteln wird folgendes realisiert:

(a) Bezug zum Werk-Inhalt. Ikonographische Tradition. Was sind die Hauptaussagen?

Bei den Enzyklopädien lassen sich einige Motive ausmachen, die über längere Zeit dominant sind:

typische Instrumente stehen metonymisch für Disziplinen, z.B. ein Zirkel für die Geometrie;

berühmte Wissenschaftler stehen metonymisch für ihre Disziplinen, z.B. Seneca für die Moralphilosophie;

die Disziplinen werden durch Personifikationen allegorisch dargestellt, das können anämische Mädchen sein oder auch Handwerksmeister in typischer Tracht;

die Disziplinen werden durch antike Götter allegorisch dargestellt, z.B. Hephaistos für die metallverarbeitende Industrie;

es wird die Titelmetapher ins Bild umgesetzt: z.B. Schatzhaus oder Baum, oder Schauplatz (Theatrum, Piazza)

es wird ein Symbol für das placiert, was als Quelle des Wissens aufgefasst wird: die vielbrüstige Natura oder (in einem Dreieck mit dem Tetragramm HWHJ) Gott oder der Lichtstrahl der Verité;

Aussagen: Dass die Enzyklopädie allumfassend ist, wird durch die Fülle der Gegenstände angedeutet oder durch die Siebenzahl der Artes; der Zusammenhang der Einzeldisziplinen wird dadurch behauptet, dass alle als Zweige derselben Wurzel hervorgehen.

(b) der formale Bild-Aufbau (z.B. Architektur); dabei oft Einbau von ›Innenbildern‹ (z.B. Emblemen, Wappen).

Dabei kann das das Bild gliedernde System selbst eine symbolische Aussage machen, z.B. ein Säulensystem als Tempel der Weisheit.

(c1) Selbstdarstellung des Verfassers

(c2) ›Brand‹ des Verlags; Werbung

(d) Dialog mit dem Leser

(e) Lob des Widmungsträgers (panegyrischer Aspekt)

 
           
    Literaturhinweise   • Christel Meier-Staubach, Illustration und Textcorpus. Zu kommunikations- und ordnungsfunktionalen Aspekten der Bilder in den mittelalterlichen Enzyklopädiehandschriften, in: Frühmittelalterliche Studien 31(1997), S. 1–31, Abb. 1–57.
• Dietmar Peil, Titelkupfer/Titelblatt — ein Programm? Beobachtungen zur Funktion von Titelkupfer und Titelblatt in ausgewählten Beispielen aus dem 17. Jahrhundert. in: Frieder von Ammon / Herfried Vögel (Hgg.), Die Pluralisierung des Paratextes in der Frühen Neuzeit. Theorie, Formen, Funktionen (Reihe Pluralisierung & Autorität, Band 15). LIT Verlag Münster 2008, Seiten 301–336.
 
           
   

Herrad von Landsberg, »Hortus Delciarum« (vor 1178 – 1196)

 

 

Das enzyklopädische Bild (genau genommen ist es kein Frontispiz, aber es gehört in die Kategorie der Meta-Bilder) mit den Septem Artes (fol. 32r) ist häufig zu sehen, zum Beispiel in der Wikipedia [www]

Erläuterung [pop-up auf dieser Homepage] mit schematischer Umzeichung und Präsentation der zughörigen Texte.

 
           
    Brunetto Latini (†1294), »Tresor«   London, British Library, Ms. Additional 30024, fol 1.v.  
           
   

Gregor Reisch, »Margarita Philosophica« (1503)

 

 

Der Titel-Holzschnitt 1504 zeigt als zentrale Gestalt eine Personifikation der Philosophie. Die Stickerei auf dem Gewand gemahnt an die Initialvision des Boëthius im Kerker, dem die Philosophie erscheint: an untersten Rand ihres Gewandes ist ein griechisches Pi (für ›Praxis‹) eingewebt, am obersten ein Theta (für ›Theoria‹); dazwischen sind Leitersprossen eingezeichnet, welche die Künste bedeuten, auf denen man emporsteigt. Die Dreigesichtigkeit bezeichnet die drei Hauptdisziplinen, wonach die Philosophie in der Antike üblicherweise eingeteilt wird: Philosophia naturalis (die Natur- oder besser: Sachkunde), rationalis (die Logik), moralis (die Ethik). Beachtenswert ist die Wertschätzung des Buchs im Ensemble der Genius-Flügel sowie von Krone und Szepter. – Sieben Personifikationen der Artes liberales umgeben die Philosophie; sie tragen charakteristische Instrumente in der Hand, zum Beispiel die Arithmetik einen Abakus, die Musik eine Harfe, die Geometrie einen Zirkel. Alle diese Gestalten werden von einem Kreis umfangen. – In den unteren Bildzwickeln repräsentiert Aristoteles die Philosophia naturalis und Seneca die Philosophia naturalis. – Als Pendant zur heidnischen Antike weisen in der oberen Sphäre die vier Kirchenväter Augustinus, Gregor der Große, Hieronymus und Ambrosius auf die Taube des heiligen Geistes hin, in deren Nimbus Philosophia divina steht, ein Kapitel das in der Enzyklopädie indessen fehlt!

Titelbild [pop-up] (Straßburg: Schott 1503; hier in der Variante Straßburg: Grüninger, 1504) — Schemazeichnung [pop up, auf dieser Homepage]

Die Ausgabe 1508 hat ein anderes Titelbild: Die Artes Liberales wachsen an einem Baum, der aus dem Schoße der Philosophie sprießt. Im Hintergrund steht natürlich das genealogische Bild der Wurzel Jesse (Jesaia 11,1–2).

Titelbild [pop-up, auf dieser Homepage] (Straßburg Schott 1508)

• Udo Becker, Die erste Enzyklopaedie aus Freiburg um 1495. Die Bilder der Margarita Philosophica des Gregorius Reisch, Freiburg: Herder 1970.
Steffen Siegel, Architektur des Wissens. Die figurative Ordnung der artes in Gregor Reischs Margarita Philosophica, in: Frank Büttner, Gabriele Wimböck (Hg.): Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes, Münster 2004, (Pluralisierung & Autorität 4), S. 343-362. Als PDF [www]

 
           
    Raffael, »Die Schule von Athen« (1510/11)   Raffaels Fresko »Die Schule von Athen« in der Stanza della Segnatura (ursprünglich die Bibliothek Papst Julius II. im Vatikan) im Internet [www] zeigt neben den wichtigsten Philosophen der Antike (Platon, Aristoteles, Sokrates, Pythagoras u.a. ) auch zeitgenössische Künstler (Raffael selbst und Michelangelo). Einige Figuren halten typische Attribute (Globus, Himmelssphäre, Zirkel) — Vgl. die Bildlegende auf der Seite des Viktoria-Luise-Gymnasiums [www]  
           
    Bartélémy Chasseneux, »Catalogus gloriae mundi« (1529)   Titelbild in der Ausgabe Lyon 1529 [www HYLE – International Journal for Philosophy of Chemistry] und Feyerabend, Frankfurt am Main 1579 [www The Einar Hansen Library)  
           
    Conrad Gesner, »Bibliotheca universalis« (1545)   Die Überblicksgraphik [pop up] im zweiten, »Pandectae« genannten Band (1548), zeigt eine taxonomische divisio der Teile der Philosophie, die sowohl die Logik des Zusammenhangs suggeriert als auch als Inhaltsverzeichnis dient und ins Buch führt. (Kapitel 21 = Theologie erschien separat später; Kapitel 20 = Medizin erschien nie.)  
           
    Christofle de Savigny, »Tableavx Accomplis De Tous Les Arts Liberavx« (1587)   Titelbild [www Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel] ethält zwei Bildmotive: Eine Kette, deren Glieder mit Disziplinen angeschrieben sind und den ›Zusammenhang‹ der Wissenschften darstellen mag; eine Taxonomie (die Baumstruktur ist womöglich aus ästhetischen Gründen graphisch verformt), welche die logische Unterordnung der Disziplinen darstellen soll. (Savigny war Schüler von Petrus Ramus.) Irritierenderweise sind die Disziplinen in der Kette und im Baum nicht genau identisch.  
           
   

Tommaso Garzoni, »La piazza universale« in deutscher Übersetzung (1659)

  Piazza universale, Das ist: Allgemeiner Schawplatz / oder Marckt / vnd Zusammenkunfft aller Professionen / Künsten / Geschäfften / Händeln vnd Handtwercken / so in der gantzen Welt geübet werden: [...] Anjetzo auffs trewlichste verteutscht [...] Franckfurt am Mayn 1659 Titelbild [pop-up]  
           
    Francis Bacon, »Instauratio magna« (1620)  

Das Bild [www Wikipedia] zeigt zwei mächtige, freistehende Säulen zur Linken und Rechten einer Meeresenge, auf die ein zum Betrachter fahrendes (vom ofenen Meer zurückkehrendes) Schiff mit geblähten Segeln zufährt. Gemeint sind offensichtlich die Säulen des Herkules (vgl. Diodorus Siculus 4.18.5), die nach der Ansicht der Alten die Grenze der Welt darstellten, welche der Seefahrer nicht überschreiten sollte. Die Inschrift lautet: Multi pertransibunt & augebitur Scientia: »Viele werden hier hindurchfahren, und das wissenschaftliche Wissen wird anwachsen.« (Das ist die Säkularisation einer apokalyptisch gemeinten Stelle aus Daniel 12,4.)

Literaturhinweise:
• Corinna Mieth, Multi pertransibunt et augebitur scientia: Die Inszenierung der Grenzüberschreitung als Begründung der Fortschrittsgeschichte in Francis Bacons Instauratio Magna. in: W. Hogrebe (Hg.): Grenzen und Grenzüberschreitungen, XIX. Deutscher Kongress für Philosophie (23.-27. September 2002), Berlin 2002, S. 647–657.
Im Internet [www]
• [anonym], Jenseits des Zeichens, in: Neue Zürcher Zeitung 13.10.2001. Im Internet [www]

 
           
    Vinzenz von Beauvais (†1264), »Speculum majus«, Druck 1624   (Hier ist nur der obere Teil des Titelbildes [pop-up] wiedergegeben, die emblematischen Medaillons sind weggelassen.) Der Dominikaner mit dem Brennspiegel in der Hand, der die ganze Welt in eine Enzyklopädie komprimiert, steht inmitten der Personifikationen diverser Disziplinen bzw. typischer Vertreter der Wissenschaften; auch Nicostrata ist anwesend, die mit der Rute in der Hand einem Knaben das Lesen beibringt.  
           
    Johann Heinrich Alsted, »Encyclopædia« (1630)    
           
   

Laurentius Beyerlinck, Magnvm Theatrvm Vitæ Hvmanæ (1631)

 

Titelbild [www] Digitalisat der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel (Ausgabe 1656; das Bild ist identisch mit der Ausgabe 1631)
Schemazeichnung [pop up auf diser Homepage]

• In der unteren Hälfte liegt als Bildmuster die »Tabula Cebetis« vor; vgl. den Artikel Cebestafel [www] von Edmund W. Braun im Realleikon zur Deutschen Kunstgeschichte (Bd. 3 [1952], Sp. 383ff.). Thema ist der Weg zur Glückseligkeit: der menschliche Lebenslauf wird von einer Mauer umschlossen, zu der eine Pforte den Eingang bildet; spielende Kinder bitten einen Greis um Einlass. Dann beginnt der Aufstieg des Menschen; der Weg teilt sich in zwei Hälften, vgl. Matthäus 7,13.
• Auf der positiven Seite des Wegs sind anhand der Attribute verschiedene Künste zu erkennen (nicht nur die Septem Artes; es ist auch die Malerei gezeigt). Auf der negativen Seite erkennt man u.a. Occasio mit geschorenem Hinterhaupt auf der Kugel.
• Die darüber angebrachten, das Treiben der Figuren im untern Bildregister auf den Begriff bingenden Personifikationen LABOR und VOLUPTAS sind mit Tituli angeschrieben.
• Die in den entsprechenden Feldern im obersten Bildregister gezeigten Tugenden (unter der Sonne) und Laster (unter dem Mond) sind an ihren Attributen erkennbar (z.B. Anker des Glaubens, Pfauensschwanz der Luxuria).
• Unklar ist, was die vier vom Zodiakus zusammengefassten Gestalten bedeuten; ich deute sie vorläufig auf die vier im Titel genannten Adjektive Catholicvm, Philosophicvm, Historicvm, Et Dogmaticvm, wobei mir die Attribute unklar bleiben. pm

 
           
    Athanasius Kircher, »Ars magna sciendi« (1669)   Titelbild [www] bei ECHO =European Cultural Heritage Online  
           
   

Michael Pexenfelder, »Apparatus Eruditionis« (1670)

  Das Titelkupfer [pop-up] (nach der Ausgabe 1687) enthält die üblichen metonymischen Verweise auf die im Buch behandelten Gegenstände. Interessant sind die beiden einander zugewandten Figuren in der Architektur; Merkur und der Gelehrte (?). Darauf bezieht sich wohl der Ingressus ad lustrandum Eruditinis Apparatum, ein Dialog zwischen Mercurialis und Desiderius hier online bei MATEO [www] --- den man gelegentlich einmal überetzen sollte.  
           
    Johann Jacob Hofmann, »Lexicon Universale« (1677/1683)   Titelbild [www] in CAMENA = Corpus Automatum Multiplex Electorum Neolatinitatis Auctorum  
           
    Wolff Helmhard von Hohberg, »Georgica Curiosa« (1682)   Titelbild [www Wikipedia]  
           
    Pierre Bayle, »Dictionaire historique et critique« (1697)   Die Titelvignette [pop up] stellt dar, wie Minerva drei Knaben die Unterschiede in verschiedenen Büchern zeigt. (Hier der Stich der Ausgabe von Bandmüller in Basel 1738)  
           
   

Franz Philipp Florinus, »Oeconomvs Prudens et legalis« (1702)

  Das Titelkupfer [pop-up]  
           
    »Reales Staats-, Zeitungs-Lexicon, worinnen […] klar und deutlich beschrieben werden; Vorrede von Johann Hübner, Leipzig: Gleditsch 1704.   Das Titelkupfer [pop-up]wird in den Paratexten nicht erklärt. Der Globus steht für die Geographie. Die antiken Statuen im Hintergrund bloßer Dekor? Chronos mit Sense und Sanduhr steht für die (Unausweichlichkeit der) Geschichte – er scheint zu dozieren/diktieren. Wer ist die halbbekleidete Dame mit der Feder in der Hand? (die Wahrheit?)  
           
    Johann Theodor Jablonski, »Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschafften« (1721)  

Es werden Personifikationen und charakteristische Attribute zur Darstellung des Wissenswerten eingesetzt. Aber es ist ein beziehungsloses Sammelsurium ohne geistiges Zentrum: • Globus und Sphäre und Hebewerkzeug und Blumentopf und andere Gerätschaften. • Die Nachfahrin der Philosophie weist ins Leere; in der Rechten hält sie eine Feile; um den Lexicon-Artikeln den letzten Schliff zu geben? Auf ihr Haar hat sich • ein Papagei gesetzt; zu jener Zeit ein beliebter Käfigvogel, wegen der exotischen Herkunft aus Übersee, des seltsamen Schnabel und farbenprächtigen Gefieders und vor allem wegen seiner Nachplappergabe geschätzt – eine unfreiwillige (oder ironische ?) Allegorie der Enzyklopädie-Produktion. • Was sucht der Satyr auf dem Titelblatt einer Enzyklopädie? Pan ist aufgrund der alten (falschen) Etymologie (der Gott Παν [mit langem Alpha] – το παν ›alles‹ [mit kurzem Alpha]) die Verkörperung des Alls. In der Ikonographie und Emblematik des 17.Jhs. steht Pan für die Welt, das Universum, il Mondo. Hier steht er für das allumfassende Wissen. Das muss man aber wissen!
Frontispiz der Ausgabe 1721 [pop-up]

 
           
    David van Hoogstraten et al., »Groot algemeen … woordenboek« (1725–1733)   Das Titelbild [pop-up] ist eine ziemlich genaue Kopie desjenigen von Moréri 1723ff., vgl. vorläufig http://www.escape.hr/skpu/rariteti/62.jpg. Wer sind die drei unbekleideten, geflügelten Damen? Genien? Was tut der die Sense schwingende Saturn oben im Hintergrund? (Tempus? Im Gegensatz zum die Ewigkeit symbolisierenden Ouroboros in der Hand der mittleren Frau?) Was bedeutet die Kette der Portrait-Medaillons?  
           
    Bernard Nieuwentyt, »Het Regt Gebruik der Werelt Beschouwingen« (1714; Titel a.d.J. 1727)   Die Rückseite des Kupfertitels enthält 26 Alexandriner, die das physiko-theologische Programm entwickeln; zusammengefasst: Auf dem Altar steht die Weisheit, die die Wunder der Natur entdeckt. Mit der rechten Hand löst sie einem Philosophen das Band von den Augen, damit er sieht. Vor ihr liegen mancherlei Instrumente, mit der sie die Natur durchforscht, denn sie lässt sich nie durch den leeren Schein betrügen. Mit der linken Hand zeigt sie auf die Strahlen, welche uns das Licht der Wahrheit bringt. Ein träumerischer Geist (links im Bild) scheut dieses Licht und sucht die Nacht. Der Strahl der Gottheit (zuoberst steht ΘΕΟΣ) hat seine Weisheit den Kreaturen tief eingeprägt. In ihnen können wir sein Wesen erkennen. Titelbild [pop-up]  
           
    Jacob Christoph Iselin, »Allgemeines Lexikon« (1726/7)   Titelvignette [Pop up]  
           
    Ephraim Chambers, »Cyclopaedia« (1728)   Frontispiz [www; 3181x2455 Pixel !]The FRONTISPIECE - Introduction [www] (Erläuterungen von L. A. Miller)  
           
    Johann Jakob Scheuchzer, »Physica Sacra« (1731)   Zuoberst geht von einem Gott darstellenden Dreieck ein Strahlenkranz aus. Ein heller Strahl erleuchtet eine weibliche Figur (die Kirche, die Christenheit?), die einen eucharistischen Kelch, ein Kreuz und ein Buch in Händen hält. (Auf dem Buch in hebr. Lettern: KPR JHWH ›Vergebung durch Gott‹?). Die Strahlen beleuchten im unteren Bildbereich verschiedene Personifikationen der Wissenschaften und Künste: Die Medizin mit Uringlas?, Totengerippe, Hahn (des Asklepios), Merkurstab (fälschlich für den mit einer Schlange umwundenen Stab des Asklepios) – Usw. – Unten rechts die Musik mit Lorbeerkranz, im Gestus des Melancholischen mit umgedrehter Harfe und singendem Schwan.— Gezeichnet hat das Bild der Nürnberger Joh. Daniel Preisler. — Digitalisat des ganzen Werks durch e-rara; Frontispiz [www e-rara <18.01.13> –  
           
    [Hübner], Curieuses und Reales Natur-, Kunst-, Berg-, Gewerck- und Handlungs-Lexicon (Titel a.d.J. 1746)   [Hübner], Curieuses und Reales Natur-, Kunst-, Berg-, Gewerck- und Handlungs-Lexicon, hier aus der 10. Auflage, Leipzig: Gleditsch 1746. Das Titelkupfer [pop up] zeigt für das Wissen zuständgie antike Götter (etwa Athene/Minerva und Hermes/Merkur), der Ausblick in die Landschaft spielt an auf Seefahrt/Handel und Kriegswesen; prominent ist der Pharos (der Leuchtturm von Alexandria, eines der Sieben Weltwunder, hier wohl Symbol für die Orientierung im Meer des Wissens); es liegen für einzelne Disziplinen typische Handwerkszeuge (Palette und Pinsel; Waage; Zirkel; Blasbalg u.a.m.) herum. Besonders interessant ist die Stele der vielbrüstigen Gottheit – handelt es sich um die personifizierte Natur (so zeichnen der Ikonograph Vicenzo Cartari und der Emblematiker Sambucus die Dea Natura) oder um die Diana von Ephesos Wofür steht sie hier? – Auch andere naturwissenshaftliche und enzyklopädische Werke haben das Busenwunder auf dem Frontispiz: • Carl von Linné, Flora suecica … Stockholm 1745 • Rösel von Rosenhof, Insecten-Belustigung, 1746 • Athanasius Kircher, Mundus subterraneus, tomus II, 1678 • Étienne Chauvin, Lexicon Rationale sive Thesaurus Philosophicus, Rotterdam 1692 • A. Jungenickel, Schlüssel zur Mechanica, Nürnberg 1661 • Gerardus Blasius [Blaes], Anatome animalium, terrestrium variorum …, Amsterdam 1681.  
           
    [Zedler] Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste (1732–1750)   Eröffnungskupfer aus Band 2 [www Deutsches Museum München]  
           
    Diderot / d’Alembert, Encyclopédie (1772)  

Der Entwurf stammt von Charles-Nicolas Cochin (1715–1790); er wurde 1765 im Salon ausgestellt. Diderot dazu: »C'est un morceau très ingénieusement composé.« Bonaventure-Louis Prévost (1747–1804?) hat den Kupferstich davon angefertigt, der 1772 an die Subskribenten ausgeliefert wurde. (Der erste Textband der Encyclopédie erscheint bereits 1751.) Das Kupfer ist begleitet von einer »Explication du Frontispice de l’Enyclopédie«. Titelbild [pop-up]vereinfachtes Schema [pop-up] vereinfachtes Schema

• Es gibt einen zweiten Stich von Prévost, der für die Genfer Ausgabe der Encyclopédie 1776 angefertigt wurde. Vgl. John Lough, Essays on the ›Encyclopédie‹ of Diderot and d'Alembert, London 1968, p. 107.

• Es gibt ferner eine Kopie von Guidotti für die Ausgabe von Lucca (1758–1776)

• C. Boilly hat eine verkleinerte Version für die Neuchâteler Quarto-Ausgabe angefertigt (1780.)

Bilderklärung zum Frontispiz [pop-up mit Rollover-Erklärungen]

Auch auf dem Frontispiz der Encyclopédie strahlt das Licht – wie bei Scheuchzer 1731 – von oben herab auf die in der untern Bildhälfte lagernden personifizierten Sciences, Arts, Professions. Aber die zentrale, leuchtende Figur ist nicht mehr Gott, sondern La Verité, mit einem Schleier kaum bekleidet. Unter ihr die Théologie mit der Bibel in der linken Hand; mit der rechen Hand tastet sie noch oben, wo ihr la Raison einen etwa handgroßen Ring reicht. Blinde hat man früher an solchen Ringen geführt (Hinweis von Urs Leu, ZBZ).

 
           
    Bibliothek in Schussenried   Das Deckenfresko des Bibliothekssaals in Schussenried web-link [www] (ehemal. Prämonstratenserstift; 1752–1763 Bau der Bibliothek) illustriert Sprüche (Proverbia) 9,1: »Sapientia aedificavit sibi domum, excidit columnas septem« (Die Weisheit hatte sich ein Haus gebaut und sieben Säulen behauen lassen). – Auch über den Personifikationen im Frontispiz der Encyclopédie wölbt sich ein Säulen-Tempel ...
Im Inneren sendet der heilige Geist seine Strahlen auf die Personifikation der Sieben Gaben: Intellectus – Verstand / Scientia – Wissenschaft / Sapientia – Weisheit / Consilium – Rat / Pietas – Frömmigkeit / Timor Domini – Gottesfurcht / Fortitudo – Stärke.
Zur Symbolik des salomonischen Tempels vgl. Gianfranco Miletto, Glauben und Wissen im Zeitalter der Reformation. […], Berlin: De Gruyter 2004, S. 107ff.
 
           
    Auszug aus Krünitz (Titelbild a.d.J. 1799)   Auszug aus des J. G. Krünitz ökonomisch-technologischer Encyklopädie, oder allgemeinen System der Staats-, Stadt-, Haus- und Land-Wirthschaft, und der Kunst-Geschichte, hg. von M. C. v. Schütz (Teil 12 – 21 fortgesetzt von Johann Ludolf Graßmann); hier das Kupfer des Titelblattes [pop-up] des Neunzehnten Teils, Berlin: Pauli 1799. – Merkur mit Caduceus und Füllhorn inspiriert (?) zwei Putten (einer mit Bogen und Korngarbe; einer mit einer Schriftrolle ?); die Landschaft (Weingärten, Schloss) und die herumliegenden Instrumente verweisen auf die Disziplinen.  
           
    Ingres, »Apotheose des Homer« (1827)  

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) malte 1827 das Auftragsbild »Die Apotheose des Homer« [www Zeno.org] für den Louvre. (Öl auf Leinwand , 386x 515.6 cm, Paris, Musée Du Louvre)

 
           
    Jacob Eberhard Gailer, Neuer Orbis pictus für die Jugend (1832)   Die Titelansicht [pop-up] verkündet ein physikotheologisches Programm: Lies oft im Buche der Natur … Was der Vater den beiden Jungen im Gehrock (keine Mädchen sind dabei) aber vorzeigt und zum Abschreiben gibt, ist doch sehr papieren; der Blick aus dem Fenster gibt wenig Raum frei, um draussen der Gottheit Spur zu finden.  
           
    Spamers Illustrirtes Konversations-Lexikon (1870)   Illustrirtes Konversations-Lexikon. Vergleichendes Nachschlagebuch für den täglichen Gebrauch; Hausschatz für das Deutsche Volk und Orbis pictus für die studirende Jugend, Leipzig/Berlin: Spamer 1870-1882. Holzstich des Titelblattes [pop-up] im ersten Band. Es sind immer noch dieselben Motive: Personifikationen und Metonymien für die einzelnen Disziplinen! Neu dazu kommt der Fabrikschlot und die Eisenbahn auf dem Viadukt.  
           
   

Larousse und andere

 

In Frankreich gibt es vor allem in 19. Jahrhundert eine Tradition bei alphabetisch geordneten Enzyklopädien, wo ein neuer Buchstabe beginnt, die erste Seite (oder auch eine Initiale) mit einem Bild zu versehen, das Objekte versammelt, deren Bezeichnung mit diesem Buchstaben beginnen.

Beispiel aus dem Petit Larousse Illustré, Paris 1917: der Buchstabe G [pop-up] : Le Gibet; le Gorilla; le Gendarme; le Globe; la Grue ; la guitarre; les Gants; ; la Grammaire; le Girafe; la Guimbarde; le Gaulois; ....

Eric Jouffrey [www] von der Université Pierre-Mendès-France in Grenoble widmet sich diesen Ornamenten auf einer schönen Homepage, genannt »Art Dico« (Nov. 09)

 
           
   

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PM, November 09; Update Ferbuar 14