Martianus Capella, »De nuptiis Philologiae et Mercurii«

     
 

Martianus Capella, »De nuptiis Philologiae et Mercurii«

Der Autor bindet in seinem Werk die Kenntnisse der Septem Artes auf lockere Weise an ein allegorisches Szenario an, das etwa folgendermaßen knapp zusammenzufassen ist:

Der Gott Merkur entschließt sich, eine Ehe einzugehen. Die Brautsuche gestaltet sich schwierig, weil Sophia schon mit der Ewigkeit verheiratet ist, und Mantica dem Apollo versprochen. Psyche, seine nächste Wahl – Martianus benutzt die Gelegenheit, die reichen Begabungen der menschlichen Seele zu entfalten – ist eben durch Cupido verführt worden. Merkur wendet sich in Begleitung von Virtus an Apollo, und dieser empfiehlt die gelehrte Jungfrau Philologia. Zuerst muss aber noch Jupiter seinen Segen geben. Ein Götterrat wird einberufen, der beschließt, Philologia unsterblich zu machen. Ihre Mutter Phronesis schmückt sie zur Hochzeit. Die Musen reichen ihr ’das richtige Verständnis’ gemäß den von ihnen repräsentierten Spezialitäten. Dann erscheinen die Kardinaltugenden, die Philosophie und die Grazien, zuletzt die Unsterblichkeit (Athanasia) . Sie bringen die Philologie dazu, die einst verschlungenen Bücher des nutzlosen irdischen Wissens hervorzuwürgen.

"Wenn Du das nicht, wovon die Brust Du so voll trägst, in heftigster Entleerung ausbrichst (coactissima egestione vomeris forasque diffuderis) und aus Dir nach außen bringst, so wirst Du den Wohnsitz der Unsterblichiet auf keine Weise behaupten." Da aber brach sie mit aller Anspannung und großer Kraftanstrengung alles, was je in ihrem Busen sie erwogen hatte, aus (evomevat). Das wandelte sich dies Erbrechen und Herausgewürgt-Erbrochene um in Riesenmengen Schrifttums aller Art … (Liber II, ¶ 135)

Unsterblichkeit flößt ihr einen unsterblich machenden Trank ein. Dann steigt sie auf in himmlische Sphären, kniet nieder zum Gebet und schaut die ewige Wahrheit. Am Hofe Jupiters erhält Philologia als Brautgabe von Merkur die Artes als sieben Dienerinnen, die nacheinander weitschweifig und handbuchartig ihr Wissen offenbaren. Diese Rahmenhandlung – die den Aufstieg des menschlichen Geistes zu Gott beschreibt – erlaubt es dem Autor, sehr viel Wissen über Mythologisches, Kosmologisches und andere Dinge der intellektuellen Welt einzubringen.

Hier die Zusammenfassug von Ernst Robert Curtius:

Das Werk wird durch ein Gedicht an Hymenaeus eröffnet, der als Versöhner der Elemente und der Geschlechter im Dienste der Natura, aber auch als Ehestifter zwischen den Göttern angesprochen wird. Von diesen ist Merkur noch unbeweibt. Auf Rat der Virtus befragt er Apoll. Er schlägt ihm die hochgelehrte Jungfrau Philologia vor, die auf dem Parnaß, aber auch im Sternenhimmel und in den Geheimnissen der Unterwelt wohlbewandert ist, also das Ganze des Wissens umfaßt. Virtus, Merkur und Apoll steigen durch die Himmelssphären zum Palast des Jupiter empor, geleitet durch die Musen. Eine Götterversammlung, in der sich auch allegorische Gestalten befinden, billigt Merkurs Wunsch und beschließt, daß Philologia zur Göttin erhoben werden soll und so fortan alle verdienten Sterblichen. Philologia wird von ihrer Mutter Phronesis geschmückt, von den vier Kardinaltugenden und den drei Grazien begrüßt. Sie muß auf Geheiß der Athanasia eine Menge von Büchern erbrechen, um der Unsterblichkeit würdig zu werden. Dann steigt sie in einer Sänfte zum Himmel auf, die von den Jünglingen Labor und Amor und den Mägden Epimelia (Sorgfalt) und Agrypnia (Nachtarbeit der Geistesarbeiter mit Schlafverkürzung) getragen wird. Im Himmel tritt ihr Juno als Schützerin der Ehe (Pronuba) entgegen und belehrt sie über die Einwohner des Olymp, der sich aber von dem hellenischen weitgehend unterscheidet. Allerhand Dämonen und Halbgötter, aber auch die antiken Dichter und Philosophen sind dort eingezogen. Als Hochzeitsgeschenk erhält die Braut die Sieben freien Künste. Jeder von ihnen ist ein Buch des Werkes gewidmet. Sie werden, dem Zeitgeschmack entsprechend, personifiziert als Frauen, die nach Kleidung, Haartracht, Gerät differenziert sind. So erscheint die Grammatik als hochbetagte Greisin, die sich ihrer Abstammung vom ägyptischen König Osiris rühmt. Später hat sie lange Zeit in Attika zugebracht, erscheint jetzt aber in römischem Gewande. In einem elfenbeinernen Kästchen führt sie Messer und Feile mit, um die Sprachfehler der Kinder chirurgisch zu behandeln. Die Rhetorik ist eine schöne Frau von erhabener Größe, trägt ein mit allen Redefiguren geschmücktes Gewand und Waffen, mit denen sie ihre Gegner verwundet usw.

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Die Allegorie umfasst nur die ersten beiden Bücher, die auch separat handschriftlich tradiert wurden. Die Bücher III bis IX sind dann den einzelnen Disziplinen gewidmet und enthalten nur einleitende allegorische Intermezzi: Grammatik – Dialektik – Rhetorik – Geometrie – Arithmetik – Astronomie – Harmonia.

Eine detaillierte Inhaltsübersicht bietet dankenswerterweise Hans Günter Zekl (1939–2016) in seiner Übersetzung: Die Hochzeit der Philologia mit Merkur …, Würzburg 2005, S. 23–43.

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